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Der Rausch ist das Heiligste
Vortrag zum Thema „Spiritualität und Sucht“ am 12. Februar 2010 in der Kirche der Stille Hamburg-Altona
in Kooperation mit dem „Forum Nord Spiritualität und Sucht“ www.spiritualitätundsucht.de
von Stephan Hachtmann © 2010

Nach dem Johannesevangelium führt das Schmecken des Einsseins mit Gott dazu, dass der nach erfülltem Leben sich sehnende Mensch endlich von seinem unersättlichen Lebensdurst befreit wird und tatsächlich und nachhaltig Erfüllung findet:

Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;
wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben;
vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden,
deren Wasser ewiges Leben schenkt.
(Johannesevangelium 4, 13-14)

Kelch-II
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Biografische Bezüge und Stationen
Erfahrung des Rausches
Erfahrung des Heiligen
Rausch und Sucht
Die Lehre von den acht Gedanken
Der Rausch ist das Heiligste
Der Rausch
Rausch ist Geist
Bedeutung Rausch
Dem Wesen der Dinge sich hingeben
Das Aufrauschen der Fülle des Seins
Mystik und Rausch
Mystische Erfahrungsdimensionen des Rausches
Schlussgedanken


Sehr geehrte Damen und Herren,
     ich freue mich, Ihnen hier zu dem angekündigten Thema einige Überlegungen darlegen zu dürfen. Vielleicht erwacht in Ihnen eine Ahnung für die Qualität des “Wassers”, die nach ewigem Leben schmeckt.  Möglicherweise löst der Titel “Der Rausch ist das Heiligste“, neben der puren Neugierde auch die unterschiedlichsten Assoziationen, Widerstände oder auch eine gewisse Ambivalenz aus. Das würde mich nicht verwundern und ich versichere Ihnen, mir erging und ergeht es ähnlich. Auch in mir haben sich die unterschiedlichsten Reaktionen beim Erarbeiten dieser „Heiligen Berauschung“ gemeldet - und so werde ich nun versuchen, ein wenig Licht in diese Thematik zu bringen. Ich kann Ihnen nur einige wenige Aspekte und Hintergründe zu diesem recht differenzierten und komplexen Themenkreis aufzeigen und werde dabei aus dem mir jetzt zur Verfügung stehenden Wissen und aus meinem eigenen Erfahrungshintergrund schöpfen.

Einführung
     Vorweg möchte ich anmerken, dass es mir in meinen Betrachtungen weder um eine Dämonisierung oder Idealisierung der Rauscherfahrung geht und schon gar nicht um eine Verharmlosung einer Suchterfahrung. Dafür erlebe ich in meinem Arbeitsfeld alltäglich, die zerstörerische, sehr dunkle und trostlose Seite der Auswirkungen einer Suchterfahrung auf das gesamtmenschliche Dasein der Betroffenen. Heute möchte ich den Fokus auf einen Teilaspekt dieser Erfahrung werfen und untersuchen, ob die spirituelle Dimension der Rauscherfahrung das Potential besitzt, Genesungsprozesse zu fördern. Die Reflexion des Themas „Rausch“ und seine Beziehung zum Heiligen kann für die Integration der Suchterfahrung vielleicht hilfreich sein.

     Eine kurze Geschichte: „Ein Chasside beklagte sich bei Rabbi Wolff, dass gewisse Personen mit Kartenspielen die Nacht zum Tag machten. „Das ist gut so“, sagte der Zaddik. „Wir Menschen wollen Gott dienen und wissen nicht wie. Doch nun lernen sie, wach zu bleiben und bei einer Sache auszuharren. Wenn sie darin vollkommen geworden sind, brauchen sie sich nur noch Gott zuzuwenden - und welch hervorragende Diener werden sie dann für ihn sein!“ (zitiert aus: „Geschichten des Herzens“, Jack Kornfield und Christina Feldmann, S. 86)

     Ist es so, dass eine Sucht letztendlich nur ein folgenschwerer Irrtum ist? Ein verfehltes Suchen nach dem Eigentlichen? Und das wir nur einen Richtungs-, Haltungs- oder Bewusstseinswechsel vorzunehmen brauchen, um die süchtigen und zerstörerischen Kräfte in uns zu besänftigen? - Und dass wir uns nur verwandeln müssen, um des Eigentlichen ansichtig zu werden? Kann die Erfahrung im Zustand des Rausches uns für eine Suche nach dem, „was uns unbedingt angeht“ (Paul Tillich) öffnen - also nach Gott?

Biografische Bezüge und Stationen
     Wie komme ich nun eigentlich dazu, über dieses Thema zu referieren und das Heilige und den Rausch in Beziehung zu setzen? Dazu einige biografische Anmerkungen. In einem evangelischen Pfarrhaus in Mecklenburg, in der ehemaligen DDR, christlich sozialisiert und  aufgewachsen, erlebte ich die Thematik des Heiligen von frühester Kindheit an. Nicht dass es dort besonders mystisch oder außerordentlich fromm zuging - eher erlebte ich zu Hause das pragmatische, ethische, karitative und evangelische Element in bester Tradition als glaubwürdig und gut, aber vielleicht etwas zu gut und etwas zu glatt und meinem jugendlichem Sturm- und Dranggeist längst nicht genügend. Das Interesse an der tatsächlichen Erfahrung des großen Mysteriums des Heiligen, das sich in der Gestalt des „lieben Gottes im Himmel“ personalisierte, veranlasste mich sehr frühzeitig, aus der vertrauten evangelischen Lebensumgebung und einem personal geprägten Frömmigkeitsverständnis zunächst innerlich und dann auch äußerlich auszusteigen. Hier konnte mein „Durst“ nach dem Wahren und Heiligen nicht gestillt werden. Vielleicht erging es mir mit meinem „Durst“ ein wenig so, wie es der Psalmist in poetischen und etwas anderen Worten beschreibt: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ (Psalm 42, 2)

Erfahrung des Rausches
     In den darauffolgenden fünfzehn Jahren meiner Tätigkeit als Künstler und Rockmusiker, vermutete ich die Erfüllung meiner Sehnsüchte eher in einem damit verbundenen und für Außenstehende recht fremdartig vorkommenden Lebensstil. Immer häufiger kam ich in Kontakt mit verschiedenen Substanzen, die mir einen neuen Zustand und Raum öffneten, der mich anfänglich sehr inspirierte und etwas aufzeigte, das für den Moment heilig und erfüllend genug erschien. Den substanzverursachten Rausch habe ich anfänglich zumeist als kreative Quelle und als Motor für neue Ideen erlebt. Als ein Raum der Freiheit und Inspiration. Als verbindenden Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich ganz an dem bohemeartigen Verhalten und Anderssein der Avantgarde oder des Undergrounds orientierte und sich als Teil einer solchen Bewegung verstand. - Für die damalige sozialistische und „DDR-durchsetzte“ Gesellschaftsordnung waren meine Ansicht und mein Lebensstil eher leicht „neben der Spur“. 1986 ging ich nach Westberlin und führte das begonnene Künstlerleben munter weiter - inklusive des Konsums, der mir bis dahin verborgen gebliebenen anderen Drogen. Als dann aber vor ungefähr dreizehn Jahren die negativen Auswirkungen dieser exzessiven Lebensweise überhand nahmen und ich mich gezwungen sah, eine entscheidende Zäsur in meinem Leben vorzunehmen, war mir noch nicht bewusst, dass mich dieser radikale Wandel wieder an meine Wurzeln zurückführen sollte. In einer zehntägigen Kontemplationszeit (der ersten meines Lebens - wir saßen ungefähr acht Stunden am Tag in der Stille und ich litt unendlich und hatte nur das Herzensgebet, an das ich mich oftmals recht krampfhaft festklammerte ...) widerfuhr mir etwas, das mein weiteres Leben auf grundlegendste Weise prägen und verwandeln sollte.

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Erfahrung des Heiligen
     Im Nachhinein würde ich sagen, ich hatte eine initiatorische Erfahrung und das „Tor zum Geheimen“ (Karlfried Graf Dürckheim) hat sich mir ein wenig geöffnet. Doch auch dieses war mir damals noch nicht klar und ich war nicht fähig, mein Erleben adäquat einzuordnen. Ich wusste nur, dass mir etwas sehr, sehr Wichtiges geschehen war, mit dem Potential zu einer wirklichen Wende in meinem Leben. Erst in der letzten Zeit versuche ich vorsichtig, etwas von dieser Erfahrung in Worte zu kleiden und bemühe mich dabei, eher etwas unvollständig und zögerlich, in der Beschreibung dieser Erfahrung zu bleiben. Das Widerfahrene war nicht spektakulär, auch nicht mit Visionen, Lichterscheinungen oder anderen erzählenswerten Phänomenen verbunden. Es war eine sehr einfache und fast unmerklich sich manifestierende Klarheit und Gewissheit und die Einsicht „etwas Wahres“ geschaut zu haben. Was immer diese „Wahrheit“ auch bedeuten sollte. Ich fühlte mich vollkommen angekommen – wie nach Hause geführt und war verwundert, wie einfach und plötzlich sich ein lebenslanges Suchen in Luft auflöste. Ich fühlte mich wirklich wie der verlorengegangene Sohn, der in seine Heimat zurückgekehrt war. Nach einer längeren Ausbildungszeit zum Diakon und einem oftmals recht schmerzhaft erlebten Prozess der Integration dieser, ich würde sagen transformatorischen Erfahrung, führte mich mein Arbeitsschwerpunkt vor knapp sechs Jahren in eine Einrichtung des Hamburger Suchthilfesystems. Dort bin ich seitdem in verschiedenen Aufgabenfeldern tätig.

     In der Suchtarbeit faszinierte mich von Anfang an die Verbindung von Rausch und seine Beziehung zum Heiligen. Beides hatte ich mehr oder weniger erfahren und beides wartete auf weitere Klärung, Vertiefung, Integration und Bewährung in der Praxis des Alltags. Ich bin fest davon überzeugt, dass die spirituelle Dimension bei der Genesung eines Menschen von einer Abhängigkeitserkrankung eine Schlüsselrolle spielen kann. Ich weiß aber auch aus der Kenntnis meines Arbeitsgebietes, dass das Religiöse oder die spirituelle Dimension bisher in dem bestehenden Suchthilfesystem nur eine sehr marginale bis vollkommen unbedeutende Rolle spielt. Verschiedene Angebote und konzeptionelle Öffnungen verschiedener Einrichtungen hin zur Einbeziehung dieser Dimension des Menschen in den Hilfeprozess, machen mir Hoffnung und auch dieser Vortrag möge dazu beitragen, dem spirituellen Aspekt mehr Gewicht in der täglichen Arbeit des Suchthilfesystems zu geben. Für sehr vielversprechend halte ich den integralen Ansatz des amerikanischen Bewusstseinsforschers Ken Wilber und seine Adaptionsmöglichkeiten in der Suchtgenesung, sowie salutogenetisch - also auf die Entwicklung von Gesundheit - ausgerichtete Diagnose-, Therapie- und Behandlungskonzepte.

Rausch und Sucht
     Bevor ich weiterführend zur Vertiefung der Betrachtungen zum Rausch und seiner Verbindung zum Heiligen komme, möchte ich auf die wichtige Unterscheidung von Sucht und Rausch eingehen.

Rausch
&
Sucht


Abhängigkeitssyndrom
- stoffgebundene
- nichtstoffgebunde

  Während der Rausch eine zeitlich begrenzte und in unterschiedlicher Intensität sich manifestierende Zustandserfahrung ist und die kurzeitige veränderte Wahrnehmung eines Süchtigen oder auch Nichtsüchtigen beschreibt, ist Sucht eine das Leben zerstörende und sich über einen längeren Zeitraum entwickelnde Störung/Anhaftung oder Begierde/Leidenschaft, die in vielen Fällen zum vorzeitigen Tod führt. Eine fortgeschrittene Sucht kann die physische, psychische, soziale und spirituelle Dimension des Menschseins grundlegend und irreversibel schädigen oder zerstören.

      Den sogenannten stoffgebundenen Süchten (z. B. der Alkohol-, Nikotin-, Heroinsucht, sowie der Cannabis- und Kokainsucht) kommt dabei eine repräsentative Bedeutung zu. Hierbei unterscheiden wir noch einmal zwischen körperlicher Abhängigkeit und psychischer Abhängigkeit. Demgegenüber stehen die sogenannten nichtstofflichen Süchte. Diese zeichnen sich primär durch ihr psychisches Abhängigkeitsmerkmal aus. Die nichtstofflichen Süchte veranschaulichen in drastischer Weise eine Erscheinung, der man auf fast allen Gebieten des menschlichen Erlebens und Verhaltens begegnen kann. Ob Internet, Arbeiten, Sammeln, Machtstreben, Kaufen, Spielen, Spiritualität oder Sexualität - fast jede Form menschlichen Interesses kann zu einer Sucht führen.

      Das Wort „Sucht“ ist nicht, wie oftmals angenommen wird, mit dem Wort „suchen“ verwandt. Es geht auf das althochdeutsche Wort siechen zurück (vergleiche auch englisch sick) und bezeichnet das Leiden unter einer als „Krankheit“ benannten Verhaltensweise. Sucht wird als Erkrankung seit einigen Jahrzehnten von der WHO und auch in Deutschland anerkannt und findet in dem Begriff des Abhängigkeitssyndrom seine fachspezifische Verwendung. Im Gesundheitswesen schuf diese Begriffsanerkennung und Pathologisierung zunächst eine wichtige Basis, die die unterschiedlichsten Therapien und Interventionen im Gesundheitswesen und Suchthilfesystem gerechtfertigt und finanzierbar gemacht hat. Ob diese Pathologisierung heutzutage noch hilfreich ist, wage ich vorsichtig anzufragen und sie wäre es wert, an anderer Stelle einmal ausführlicher betrachtet zu werden. Ausserdem wären z.B. die Vorzüge eines salutogenetischen (an Gesundheit orientierten) Behandlungsansatzes zu untersuchen.

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Die Lehre von den acht Gedanken
     Um den Blick für eine andere Perspektive der Sucht zu öffnen, möchte ich nun einen kleinen Ausflug in die mystische Tradition der Wüstenväter unternehmen. In dieser fast zweitausend Jahre alten Tradition und maßgeblich von dem sogenannten Psychologen/Mönch/Asket und Schriftsteller Evagrius Pontikus (345-399) beschrieben, findet sich die sogenannte Lehre von den acht Gedanken - die Achtlasterlehre. Hierbei werden die menschlichen Grundbegierden in acht verschiedene Leidenschaften/Laster unterteilt. Auch die Bezeichnung „Dämon“ fand bei der Beschreibung dieser menschlichen Verhaltensweisen gebräuchliche Verwendung. Die damaligen Gottsucher kämpften in der Wüste mit diesen „Dämonen“ und lernten sie auf diese Art und Weise natürlich ausführlich kennen. Nach der platonischen Dreiteilung der Seele sind die ersten drei dieser „Dämonen“ der körperlichen Kraft, die drei folgenden der emotionalen Kraft und die zwei letzten der verstandesmäßigen Triebkraft des Körpers zugeordnet. Die drei dem Körperlichen zugeordneten Leidenschaften sind die Wolllust, die Habgier und die Fresssucht, die drei dem emotionalen Bereich zugeordneten Laster sind die Traurigkeit, die Wut/der Zorn und die sogenannte Akedia (Schwermut/Depression/Psychose). Die zwei als am Schwierigsten zu verwandelnden Leidenschaften, sind der Hochmut und die Ruhmsucht. Anzustreben auf einem spirituellen Weg ist die Transformation dieser von Gott wegführenden Kräfte in die acht zu Gott hinführenden entsprechenden Tugenden.

Die Lehre von den acht
Leidenschaften
& Tugenden

1. Wolllust    -    Keuschheit
2. Habgier   -   Geben
3. Fressucht  - Maßhalten
4. Traurigkeit   -   Freude
5. Wut   -   Sanftmut
6. Akedia    -   Geduld
7. Hochmut   -  Bescheidenheit
8. Ruhmsucht   -   Demut

     (Wolllust => Keuschheit: als Fülle der Weisheit / Habsucht => Dienen, Gerechtigkeit, Fähigkeit zu geben / Fresssucht => Zurückhaltung, Maßhaltung / Traurigkeit => Freude; Zorn => Sanftmut / Acedia => Geduld/Beharrlichkeit / Hochmut => Bescheidenheit, Emphatie; Ruhmsucht => Gottgedenken, Demut)

     Die Begierden/Laster/Leidenschaften wurden sehr differenziert und ausführlich in den alten überlieferten Texten der Wüstenheiligen (z.B. in der Philokalia) beschrieben und es finden sich sehr unterschiedliche Zuordnungen und Beschreibungen dieser einzelnen Triebkräfte des menschlichen Geistes/Bewusstseins. Die Auseinandersetzung und Überwindung der Leidenschaften wird als via purgativa bezeichnet und ist die vorbereitende Grundklärung/Läuterung auf dem Weg in die Einheitserfahrung mit dem göttlichen Mysterium. In der Achtlasterlehre lassen sich sehr zutreffend Parallelen aufzeigen, und es ist leicht möglich die verschiedensten Süchte und Abhängigkeiten diesen „Dämonen“ zuzuordnen. In den letzen Jahren wurden verschiedene, in einer zeitgemäßen Sprache verfassten Kommentare und Bücher zu der Darstellung der Leidenschaften veröffentlicht. Die zeitgemäße und aktualisierte Interpretation der Achtlasterlehre kann einen wichtigen Beitrag zur Überwindung einer Abhängigkeit, gleich welcher Art, leisten. Auch der eher in der buddhistischen Terminologie verwendete Begriff der „Anhaftung“ findet zunehmend Eingang in den heutigen Sprachgebrauch bei der Darstellung spiritueller Zusammenhänge.

     Eine Sucht verdrängt oder verdeckt die Wahrheit des Lebens und verstärkt unsere Illusion von einer Welt, die mit der alltäglichen Erfahrung des Lebens als ein heiliges Wunder nur sehr wenig gemein hat. Und wir kleben mit aller Macht an unseren Illusionen – auch wenn sie uns unser Leben zunehmend in eine Hölle verwandeln. „Leiden ist leichter als handeln.“ sagt provozierend der Familientherapeut Bert Hellinger. Auch die nachfolgende kleine Geschichte folgt dieser Spur:

     „Ein General hatte einen Hauptmann, der immer betrunken war, und so knöpfte er ihn sich vor. Der Mann war sehr gut - Trinker sind fast immer gut, es sind wunderbare Leute, nur stehen sie auf Abkürzungen. Der General sagte also: „Sie sind ein guter Mann, und ich schätze Sie. Alle lieben Sie, aber Sie ruinieren sich. Wenn Sie nüchtern bleiben können, werden Sie bald Oberst!“

     Der Mann lachte, und er sagte: „Das lohnt sich nicht. Denn wenn ich betrunken bin, bin ich schon General! Das lohnt sich also nicht: Wenn ich nüchtern bleibe und davon nur Oberst werde, dann bin ich lieber betrunken und immerzu General!“ („Das Thomas Evangelium“, Osho, S. 47)

     Als ich vor einigen Monaten auf der Autobahn Richtung Süden unterwegs war und einen Vortrag von Karlfried Graf Dürckheim hörte und er in seinen Ausführungen zum „Körper, den wir haben und dem Leib, der wir sind“ Methoden darstellte und es ihm darum ging, authentisch im Leben zu sein, echt zu sein, zu seinem Wesenkern vorzudringen und aus diesem heraus in der Welt zu handeln und es nicht wie einen Trick oder ein Falschspiel zu leben und sich dieser inneren Wahrheit und Erfahrung wirklich zu öffnen, fuhr in diesem Augenblick vor mir ein Auto mit der Aufschrift: „It´s not a trick - it´s a Audi.“ Dieses synchrone „Zufallsereignis“ unterstrich mir augenblicklich und sehr deutlich die tiefere, echtere oder wahrhaftigere Dimension des heiligen Rausches gegenüber dem irdischen Rausch, der sich eben nur wie ein „Trick“ oder eine Illusion manifestieren kann.

     Doch Hauptfokus meiner heutigen Ausführungen ist dieses mit „Rausch“ benannte Phänomen und darum kehre ich auch dorthin, nach dieser kleinen Darstellung der Unterscheidung von Rausch und Sucht, wieder zurück.

Der Rausch ist das Heiligste
     Das Zitat, welches meinem Vortrag den Titel gab, findet sich in einem Text von Gitta Mallasz aus dem Buch „Die Antwort der Engel“. Ich möchte ein paar Zeilen aus diesem Abschnitt vorlesen, um den tieferen Zusammenhang dieser Aussage bewusster zu machen.

     „Jeder Rausch ist der Vorgeschmack des Gewichtslosen und deshalb sucht ihn der Mensch - doch auf falschem Weg. Werdet trunken in Gott! Das ist des Weines Symbol. ... Dürstet nach dem Rausch mit unstillbarem Durst, denn er allein erlöst! ... Höret: Jeder Rausch ist Ehrung Gottes. Der kleinere Rausch wird vom größeren verzehrt, aber er lebt in ihm weiter. Nichts geht verloren. Kein Zweifel sei also in deiner Seele. Der Rausch ist das Heiligste.“ (vgl. „Die Antwort der Engel“, Gitta Mallasz, S. 68 ff)

“Könntet ihr die Sehnsucht des Gewichtes nach
dem Licht erfassen - Könntet ihr die Sehnsucht des Lichtes nach dem Gewicht erahnen -
so würdet ihr den Rausch kosten!”

Dem Gewichtlosen des Rausches steht das Gewicht des Lebens in Raum und Zeit gegenüber. Die Last der Vergangenheit, die Anforderungen der Gegenwart und die Befürchtungen hinsichtlich der Zukunft belasten und bedrängen uns oftmals von allen Seiten. Scheinbar ausweglos suchen wir nach einer Option, diesem Gewicht zu entrinnen. Die tiefe Sehnsucht nach dem Leichten und Einfachen im Leben, ist uns sicherlich allen vertraut. Und wie der kleine Alkoholrausch das Sinnbild für die schmerzhafte Illusion des darin Erlebten ist, möchte er von einem größeren Rauscherleben mit einer beständigeren Tiefe und Wahrheit verzehrt werden. Der irdische Rausch soll aber nicht abgespalten werden, sondern wie eine eigentlich etwas Anderes verheißende, unreife und unvollendete Episode in Erinnerung bleiben. Das Gewicht des Lebens möchte von uns genommen werden und erträglicher werden. Das ist unsere tiefste Sehnsucht. Wir sehnen uns nach dem Heil- und Ganzsein und möchten Ruhe finden für unsere Seele. Die Erfahrung, auch des alkohol- oder drogeninduzierten Rausches, kann in einem Teilaspekt irdisches Abbild eines Teilhabens am Heiland – dem Heilen Land sein. Die wahre Teilhabe – der wahre Rausch wird in diesem Text  als leicht und gewichtslos bezeichnet. So wie es bei dem Evangelisten Matthäus verheißen ist: „Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11, 20)

Weiterführend heißt es dann: „Was ist Gewicht? Gewicht ist Weg. Es gibt vielerlei Gewichte, doch es gibt nur einen Weg. Jedes Gewicht hat einen Namen - der Weg hat keinen Namen. Wer gewichtslos ist auf Erden, ist weglos. Die Materie, die ihr auf euch genommen habt, ist das Gewicht. Könntet ihr die Sehnsucht des Gewichtes nach dem Licht erfassen - Könntet ihr die Sehnsucht des Lichtes nach dem Gewicht erahnen - so würdet ihr den Rausch kosten!”  (vgl. „Die Antwort der Engel“, Gitta Mallasz, S. 68 ff)

     In unserem Eingebundensein in die irdische Wirklichkeit brennt eine stille und oftmals vergessene Sehnsucht nach dem ganz Anderen, Gott, dem Ganzen, dem Heiligen, dem heilen Land,  dem Einen, nach dem, was über uns hinausweist und dennoch ganz unser Sein erfüllt. Und zugleich sehnt sich das Göttliche/der Himmel nach der Erde/dem Irdischen. Das Leben in Fülle offenbart sich als eine gleichzeitig sich durchdringende und sich gegenseitig ersehnende Wirklichkeit. Das wird als die Vereinigung des Raumzeitlichen mit dem Absoluten / Numinosen / Raumzeitfreien beschrieben. Das Licht durchdringt die Materie. „Das Wort wird Fleisch.“ (Johannes 1, 14) Das ist mit dem mystischen Rausch gemeint. „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10, 30) Der Mensch ist in Gott und Gott ist im Menschen. Erst darin findet unser Leben seine vollendete Erfüllung. Die Vereinigung der Materie mit dem Licht im Menschen ist eine mögliche Umschreibung der Erfahrung des Rausches als etwas Heiliges. Doch wie ist dieses zu verstehen? Wie ist der Weg in den Rausch, der sich in dieser Qualität offenbart? Was öffnet dem Menschen diesen weg- und gewichtslosen Erfahrungsgrund auf Erden? Wie ist diese Einsicht lebbar und in die alltägliche Erfahrung integrierbar?

Der Rausch
     Mit Rausch bezeichnen wir ein universelles Phänomen, das zu allen Zeiten und in allen Kulturen existierte und existiert. Der Rausch stellt eine Suche nach der Befreiung von den Beschränkungen des menschlichen Daseins dar und war zu allen Zeiten ein Versuch, der Not des Leidens zu entkommen. Leid war das grundlegende Motiv und die erleichternde Berauschung die bevorzugte Antwort auf dieses Leiden. Der Mensch hat solche besonderen Zustände des Erlebens ersehnt, gesucht oder gefürchtet und er hat ihnen eine über das Alltägliche hinausgehende Bedeutung zugemessen. In seinem Buch „Göttliche Gifte“ beschreibt Alexander Kupfer diesen Zustand: „Es ist kein Zufall, dass der Rausch in den frühen Zivilisationen - wie so oft auch der Wahnsinn - als ein heiliger Zustand gedeutet wurde: eine Manifestation des Göttlichen senkt sich in das Bewusstsein des Menschen herab.“

     In einem Brief des berühmten Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung an den Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker Bill Wilson, formuliert Jung einen Satz, der dem Zerstörerischen durch die permanente Berauschung etwas ganz anderes entgegensetzen möchte. Er schreibt: „Alkohol heißt auf lateinisch „spiritus“, und man verwendet das gleiche Wort für die höchste religiöse Erfahrung wie auch für das verderblichste Gift. Die hilfreiche Formel ist daher: Spiritus contra spiritum.“ Diese Formel löste eine gewaltige Bewegung aus und bewirkte Veränderungen im Leben von Millionen Menschen in über 90 Ländern. Mit anderen Worten: Geist statt Schnaps, Spiritualität statt Drogen, das Religiöse anstatt die verruchte und berauschende Substanz und Sinn statt Suchtmittel.

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Rausch ist Geist
     In dem lateinischen Wort spiritus ist die geistige Essenz des göttlichen Mysteriums angesprochen, die in uns west und mit der wir „beatmet“ werden. Spiritus sanctus. Heiliger Geist. Odem Gottes. Kulturübergreifend finden wir eine Verbindung des Wortes Atem mit der Wirklichkeit des Geistes Gottes. Es ist die alles belebende Atemkraft Gottes, die im hebräischen ruach heißt. Das hebräische Wort „ruach“ - grammatikalisch meist weiblich gebraucht - ist ein Äquivalent für „Geist“. „Ruach“ heißt sowohl „Sturm“ als auch „Atem“, aber auch „Wind“, „Sinn“, „Wehen“ und „Hauch“, „Gemüt“. Im Griechischen heißt dieser Geist Pneuma (griechisch  πνεύμα, heute  pnéwma  ausgesprochen). Im Sanskrit erklingt dafür das Wort Atman bzw. Atma (Sanskrit, ātman) und bedeutet ursprünglich: Lebenshauch, Atem. Atman ist ein Begriff aus der indischen Philosophie. Er bezeichnet das individuelle Selbst, die unzerstörbare, ewige Essenz des Geistes und wird häufig als Seele übersetzt. Im deutschen Sprachgebrauch findet sich der „Spiritus“ in dem Wort „Atem“ wieder. Spiritus soll die geistige Medizin gegen den irdischen Sprit sein. Heilige Geisteskraft, die uns wirkliches Leben schenkt, gegen die irdische Schnapskraft, die uns wirkliches Leben nimmt. „Spiritus contra spiritum“

spiritus contra spiritum

Heiliger Geist
spiritus sanctus
Atman
Pneuma
Ruach
Atem

     Was mich an dieser Aussage anspricht, ist ein Zweifaches. Zum einen stimme ich dieser Aussage gerne zu und finde auch, dass eine regelmäßige Meditationszeit z.B. mit dem Herzensgebet eine gesündere Auswirkung auf mein Dasein hat, als der regelmäßige Gang in die Kneipe an der Ecke, der regelmäßig eingeworfene Trip oder das exzessive Komasaufen am Wochenende. Auf der anderen Seite verdrängt dieser Satz die Möglichkeit, das Positive z.B. einer durch Substanzen hervorgerufenen  Rauscherfahrung, für das Leben nutzbar zu machen. Die Verteufelung des Schnapses, der Drogen, die Verbote bestimmter Substanzen - all dies konnte die jahrtausend alte Suche nach dem Numinosen, die Experimentier- und Genussfreudigkeit und die Sehnsucht des Menschen nicht daran hindern, im Rausch diese Bedürfnisse zumindest andeutungs- und zeitweise erfüllt zu finden.

     Ein Blick in die Geschichte des Rausches zeigt uns auch, dass in allen Gesellschaftsformen, Kulturen und Schichten der Rausch eine gesellschaftsprägende und bewusstseinsverwandelnde Wirkung hatte. Zu anziehend öffnet sich in der Rauscherfahrung eine Bewusstseinsdimension, die nicht wegzuverbieten ist und die auf ein scheinbares oder tatsächliches Potential des Daseins verweist und nicht aus der Entwicklung der Menschheit wegzudenken ist. Auch wenn in dem gewöhnlichen Rausch wenig von diesem Mysterium erfahren wird. Jung schreibt über einen süchtigen Patienten: „Seine Sucht nach Alkohol entspricht auf einer niedrigen Stufe dem geistigen Durst des Menschen nach Ganzheit, in mittelalterlicher Sprache: nach der Vereinigung mit Gott.“ (zitiert aus: “Sehnsucht nach Ganzheit”, Christina Grof, S.9) Diese niedrige Stufe der Rauscherfahrung verweist dennoch auf eine tiefer darunter liegende Schicht und ist der katergetrübte Abklatsch eines ins Vergessen geratenen Lebenspotentials. Es scheint eine tiefe, sich bedingende Beziehung zwischen dem spiritus und dem spiritum zu bestehen. Darum ist es notwendig, dieser Beziehung und Wechselwirkung auf die Spur zu kommen und sie nicht gegeneinander auszuspielen.

Bedeutung Rausch
     In dem Buch von Alexander Kupfer „Göttliche Gifte“ habe ich eine zutreffende Beschreibung des Wortes Rausch gefunden. „Das Wort „Rausch“ geht zurück auf das mittelhochdeutsche Verb „ruschen“, das ein mächtiges Heranströmen oder den Ansturm einer großen Kraft umschreibt, wobei auch die Vorstellung von Schnelligkeit oder Plötzlichkeit mit anklingt, die sich besonders deutlich in dem verwandten englischen Verb „to rush“ (hasten, eilen) und auch in Begriffsbildungen wie „gold rush“ (Goldrausch, das rauschhafte Hineilen zum Gold) erhalten hat. Das Wort bezeichnet also zunächst eine physische Überwältigung des Menschen, wie sie etwa durch eine Naturgewalt oder eine feindliche Streitmacht erfolgen mag und wird schließlich auch im übertragenen Sinn zur Kennzeichnung eines Zustandes der Entrückung verwendet, in dem sozusagen die Vernunft und das gewöhnliche Wachbewusstsein die Waffen strecken.“ (zitiert aus: “Göttliche Gifte “, Alexnader Kupfer, S. 4) In dieser Weise erscheint Rausch als ein Mittel, um die „Diktatur der Vernunft“ zu überwinden und ist Ausdruck eines starken Interesses, das an den verheißenen verstandesfreien Wunderwelten des Drogenrausches teilnehmen möchte. Diese andere Wahrnehmung der Wirklichkeit widerfährt den Berauschten plötzlich und mit aller Kraft und katapultiert ihn mit großem Tempo aus der normal erlebten Realität. Im Rausch öffnen sich ihm „Goldene Zeiten“ und die Realität erscheint wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Im Rausch wird der radikalrationalistischen Deutung der Welt ein visionärer Pol entgegengesetzt, durch den sich dem Individuum die tieferen spirituellen Zusammenhänge des Daseins erschließen können. Der Rausch öffnet für ein inneres und eher intuitiveres Sehen der Wirklichkeit und geht einher mit einem poetisch kreativen Bild von der Welt.

Dem Wesen der Dinge sich hingeben
     Der Wortführer einer Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts, der sich der Erschaffung neuer Ideale verschrieben hatte, war der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson. Für ihn war der Rausch ein zentrales Medium der Erkenntnis und wesentliche Voraussetzung der Kunst. Er schrieb 1844 in seinem Buch „The Poet“:

Dem
Wesen
der Dinge
sich
hingeben.

      „Es ist ein Geheimnis, dass jeder intellektuelle Mensch rasch begreift, dass er jenseits der Energie seines kontrollierten und bewussten Intellekts den Zugriff auf eine neue Energie haben kann ..., indem er sich dem Wesen der Dinge hingibt; dass es neben seiner persönlichen Kraft als individueller Mensch eine große öffentliche Kraft gibt, auf die er bauen kann, indem er, bei allen Risiken, seine menschlichen Pforten öffnet und die ätherischen Fluten durch sich hindurch wallen und zirkulieren lässt. Dann geht er in das Leben des Universums ein, seine Rede ist Donner, seine Gedanken sind Gesetz und seine Worte sind so allgemeinverständlich, wie die Pflanzen und Tiere. Der Dichter weiß, dass er angemessen nur spricht, wenn er ein wenig wild redet, oder „mit der Blume des Geistes“, nicht mit dem Intellekt, der wie ein Organ benutzt wird, sondern mit dem Intellekt, der von jeder Dienstbarkeit entbunden ist und sich in seiner Ausrichtung von seinen himmlischen Leben leiten lässt, oder, wie die Alten sich auszudrücken pflegten, nicht mit dem Intellekt allein, sondern mit dem von Nektar berauschten Intellekt ... Dies ist der Grund, wieso Barden Wein, Met, Rauschmittel, Kaffee, Tee, Opium, Sandelholz und Tabak lieben ...“ (zitiert aus: “Göttliche Gifte “, Alexander Kupfer, S. 72)

Bei all dieser scheinbaren Verklärung des Rauschzustandes trat Emerson strikt dafür ein, die Erfahrung des Rausches in dem schlichten Angesicht der Natur und in ihrer hinreichenden Vielfalt zu erblicken. Die Sonne und der Mond, die Tiere, das Wasser, die Steine und die Pflanzen -  all diese sind die Quelle des wahren Rausches. All die verschiedenen rauscherzeugenden Substanzen, betont er, sind nur der unvollkommene Ersatz für den echten Nektar. „Emerson spricht also in einem metaphorischen Sinn vom Rausch, während er die gröberen Formen der Trunkenheit, die durch Alkohol und andere Drogen erzeugt werden, als bloße Nachäffung der echten und wahrhaft inspirierten Ekstase bezeichnet.“ Emerson unterscheidet die als „Teufelswein“ bezeichneten Rauschmittel und die als „Gotteswein“ erkannte Poesie, die aus den einfachen Elementen der natürlichen Umgebung erwächst. Er sagt: „Der Geist der Welt, die große ruhige Präsenz des Schöpfers offenbart sich nicht der Hexerei mit Opium oder Wein.“ (zitiert aus: “Göttliche Gifte “, Alexnader Kupfer, S. 72 ff) 

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Das Aufrauschen der Fülle des Seins
     Um einen Zutritt zu diesem heiligen Rausch-Bewusstseinszustand zu erhalten, gab und gibt es die verschiedensten Methoden/Substanzen und Zugänge. Zwei Wege werden seit Jahrhunderten und in den verschiedenen spirituellen Wegen/Traditionen geübt und angewendet. Der eine Weg ist der Weg des Verzichts oder der Reduktion von Etwas, z.B. auf Bewegung (in der Stille-Meditation), auf Nahrung im Fasten, Schlaf-,  Reizentzug. Der andere Zugang beinhaltet eine Übersteigerung von Etwas, z.B. durch extreme Bewegungen (Drehtänze der Sufis, Joggen), Atmung (holotropes Atmen), tantrische Techniken oder Zustände, die durch von außen zugeführte Substanzen ausgelöst werden. Beide - sowohl die Askese, wie auch die Ekstase, können das „Tor zum Geheimen“ (Karlfried Graf von Dürckheim) öffnen; zur Erkenntnis und Erfahrung des letzten Seinsgrundes. Es sind also asketische oder/und ekstatische Erfahrungen und  Übungen, die eine Begegnung mit dem Heiligen in mir ermöglichen können. Doch was ist Askese? Was ist Ekstase.

Rausch-Flipchart-1


    Die Askese (griech.: ασκησις askesis von ασκεω askeo = üben, sich befleißigen) bezeichnete ursprünglich die mit der Zugehörigkeit zu einer philosophischen Schule oder einem religiösen Kult verbundenen praktischen Handlungen, dabei insbesondere spirituelle Übungen (Konzentration und Meditation). Thomas von Aquin definierte die Askese/Übung als: „ ... den zuchtvollen Dienst an einer Verfassung, dank der am Ende die Fülle des Seins aufrauscht.“ In dieser Interpretation wird deutlich erkennbar, dass die asketische Übung in einer untrennbaren Beziehung zur Erfahrung des Aufrauschens der Fülle des Seins steht. Allgemein und weltanschaulich neutral versteht man unter Askese den Verzicht auf sinnliche Genüsse und Vergnügungen zugunsten der Erreichung eines als höherwertiger oder innerlich befriedigender erachteten Ziels. In einem engeren Sinn versteht man darunter die religiös oder weltanschaulich motivierte Enthaltsamkeit, insbesondere den Verzicht auf Genuss von Rauschmitteln (Abstinenz), das Fasten und die sexuelle Enthaltsamkeit.

     Die Ekstase (v. griech. έκστασις, ékstasis = das Außersichgeraten, die Verzückung; von εξíστασθαι, exhistasthai = aus sich heraus treten, außer sich sein) bezeichnet eine Zustandsveränderung des Bewusstseins zu gleichermaßen höchster Hingabe und höchstem Aufnahmevermögen, währenddessen eigene Empfindungen über die Realität gestellt werden.

     Durch Askese oder durch Ekstase hervorgerufene Erfahrungen können sich ähneln und finden in dem Begriff des Rausches eine verbindende Form. Vielleicht fallen Ihnen eigene Erlebnisse ein, in denen Sie ganz „außer sich“ waren. Erlebnisse, die Grenzsituationen beschreiben, Erfahrungen in der Natur, bestimmte Begebenheiten aus der Kindheit, Einsichten während einer Krise oder etwas anderes Merkwürdiges, das Ihnen widerfahren ist. Meistens brauchen wir nicht allzu lange Zeit, um uns diese Zustände in Erinnerung zu rufen. Hierzu wird es Morgen in dem Workshop einen Austausch geben.

     In dem Spannungsbogen von Verzicht und Maßlosigkeit findet sich der Rausch als eine uralte und scheinbar notwendige menschheitliche Erfahrung, um sich, das Sein in der Welt und die Beziehung zu Gott zu erfassen. Im Rausch erfährt sich der Mensch in einem umfassenderen Sinnzusammenhang geborgen. Im Rausch reicht das Erleben weit über das normal begrenzte und nur an Zeit und Raum gebundene Bewusstsein hinaus.

     Bei Thomas von Aquin finden wir eine Definition der Askese, die das ekstatische des Rausches umfasst: „Askese ist der zuchtvolle Dienst an einer Verfassung, dank der am Ende die Fülle des Seins aufrauscht.“

Mystik und Rausch
     In allen Weisheitstraditionen und in den meisten spirituellen Übungswegen spielt die außergewöhnliche Zustandserfahrung eine bedeutende Rolle. Die kurzfristige und vergänglich sich manifestierende Erfahrung eines Gipfelerlebens soll der Erreichung einer nachhaltigeren, höheren und permanenteren Bewusstseinsstruktur/Stufe/Ebene den Weg bereiten. Diese „Taborerfahrung“ (schauen des göttlichen Lichtes der Einheit) möchte das Bewusstsein zur dauerhaften Vereinigung mit dem Göttlichen verlocken. In diesem besonderen Erleben weitet sich die Wahrnehmung über das Ich, die Welt und Gott. In der kleinen Weisheitsgeschichtensammlung „Das Kloster jenseits der Zeit“ von Theophan dem Mönch, habe ich eine sehr anrührende Geschichte gefunden, die eine mystische Einheitserfahrung beschreibt.

Die kristallene Kugel
     „Ich eröffnete dem Novizenmeister, ich wolle Mönch werden. „Was für ein Mönch?“ fragte er. „Ein wahrer?“ „Jawohl“, sagte ich bestimmt.
Er goss mir Wein in eine Tasse: „Hier, trink das.“ Kaum hatte ich die Tasse wieder abgesetzt, bemerkte ich, dass sich um mich herum eine kristallen Kugel zu bilden begann. Allmählich dehnte sie sich aus und umschloss schließlich auch ihn. Dieser Mönch, dessen Allerweltsgesicht  noch vor einer Minute völlig unscheinbar gewesen war, nahm jetzt eine ganz unbeschreibliche Schönheit an. Ich war sprachlos. Nach einer Weile kam mir der Gedanke: „Vielleicht sollte ich ihm sagen, wie wunderschön er ist; womöglich ahnt er selbst nichts davon.“

     Aber ich war tatsächlich sprachlos. Der Wein hatte meine Zunge ausgebrannt! Angesichts solcher Schönheit war ich jedoch derart überwältigt von Glück, dass mir dies leicht den Preis meiner Zunge wert schien. Erst, als er mir mit einem Zeichen bedeutete, ich soll nun gehen, wandte ich mich ab - in der Gewissheit, dass schon die bloße Erinnerung an diese Schönheit mir eine immerwährende Freude bereiten würde.

     Aber wie überrascht war ich von der Entdeckung, dass es genau dasselbe war bei jedem Menschen, den ich traf! Sobald er, natürlich ohne es selbst zu wissen, in meine kristallene Kugel eintrat, konnte ich seine Schönheit sehen. Und ich wusste, dass sie echt war.

     Heißt das, ein wahrer Mönch zu sein: in anderen die Schönheit zu sehen und zu schweigen?”
(zitiert aus: “Das Kloster jenseits der Zeit”, Theophan der Mönch,  S. 32 ff)

     Ich finde, diese Geschichte vermittelt sehr eindrücklich die Intensivierung und Vertiefung des Bewusstseins hin auf ein neu erfahrenes Ich, auf eine neue Perspektive zum Du und zur Welt und auf ein neues Bild vom göttlichen Geheimnis. Dabei spielt das Erreichen und Erleben dieser die Transformation beschleunigenden Zustände in den unterschiedlichsten spirituellen Traditionen eine wesentliche Rolle. Diese zeitlosen Weisheitswege und Geistesschulen haben dazu die unterschiedlichsten Methoden/Praktiken und Übungen hervorgebracht. Die eingeprägten Erfahrungen ermöglichen eine Neuinterpretation des Gegebenen in Zeit und Raum und können die evolutionäre Kraft haben, das Wachstums und die Entwicklung des Menschen voran zu bringen und zu beflügeln. Gipfelerfahrungen können den Weg bereiten, um eine höhere Bewusstseinsebene zu erreichen.

     Die Mystik fand in dem Wunsch, die Berührung mit dem Göttlichen in Sprache zu fassen, immer wieder Bilder/Symbole und poetische Ausdrucksweisen, um dieses erfahrbare und doch unaussprechliche  Mysterium, auszudrücken. Dabei griff sie auf die Beschreibungen zurück, die zum Verwechseln ähnlich den Beschreibungen eines substanzbezogenen Rausches entsprachen. Mystische Sprache ist auch Sprache der Berauschten. Zwei Zitate von Bhai Sahib, einem Sufimeister, mögen diese mystische Tiefe in der Sprache veranschaulichen: „Es ist einfach, Gott zu erkennen. Es genügt, dass einem jemand, der sich dem Trunk verschrieben, die volle Schale reicht, nachdem er sie zuvor mit den Lippen berührt hat.“ und: „Such die Orte auf, wo der Wein getrunken wird. Und trink dort Tag und Nacht. Da mag es jeden Augenblick geschehen, dass ein dem Trunk Ergebener zu dir tritt und dich kosten lässt aus seinem Glas die letzten Tropfen vom Bodensatz des Weines.”(zitiert bei: “Der Weg durchs Feuer”, Irina Tweedie) Ein dem Trunk sich Ergebender, ist ein der Trunkenheit der Liebe sich Verschreibender. Die mystischen Erfahrungen müssen also mitbetrachtet werden und weisen erstaunliche und interessante Parallelen zu der Rauscherfahrung auf. Da diese gemeinsamen Merkmale und Übereinstimmungen so offensichtlich erscheinen, möchte ich auf sie etwas näher eingehen.

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Mystische Erfahrungsdimensionen des Rausches
    Was sind die allgemeinen und übereinstimmenden Kennzeichen einer mystischen Erfahrung und einer Rauscherfahrung? Was sieht man denn nun im Rausch? Was erfährt der/die „Berauschte“ in der Einheitserfahrung? - Ich möchte einige Merkmale aufzeigen und diese kurz ausführen. Diese Erfahrungsdimensionen menschlichen Bewusstseins können nur einen kleinen Ausschnitt des alle Sinne umfassenden Erlebens abbilden und möchten dennoch einen Einstieg bieten, um das Miteinander dieser scheinbar getrennten Welten sichtbar zu machen.

    Unzählige Erfahrungsberichte lassen sich vergleichen und es finden sich darin bestimmte und immer wiederkehrende Phänomene. Folgende Erfahrungsdimensionen können als „klassische Beispiele benannt werden und treten in unterschiedlicher Intensität, Zeitdauer oder Abfolge auf. Auch ist die Erfahrung  nur einzelner Aspekte möglich:

Die mystischen Dimensionen
des Rausches


1. das Ich verliert die Kontrolle
2. die Wahrnehmung über
das Ich verändert sich
3. die Wahrnehmung
von Raum/Zeit verschiebt sich
4. Paradies,  Zustände
von Glückseligkeit, Einheit und/oder Harmonie
5. Hölle, die Begegnung mit dem Dunklen, dem Schatten
und dem Bösen
6. das  Für-Wahr-Nehmen
des Erlebten,
die Gewissheit über das Erlebte

1. Das Ich verliert die Kontrolle
     Am Anfang verliert das Ich die Kontrolle und eine Rauscherfahrung wird häufig beschrieben als ein zurücktreten der Alltagswahrnehmung. Die Identifikation und die Dominanz mit dem gewöhnlichen Ichbewusstsein verringert sich und verliert an Präsenz. „Manchmal meint die berauschte Person, ihre Persönlichkeit löse sich auf und es gebe keinen Unterschied mehr zwischen ihrem Selbst und dessen Umgebung (diese Erfahrung wird in der Drogenforschung als Depersonalisation bezeichnet).“ (zitiert aus: “Göttliche Gifte “, Alexander Kupfer, S. 6)

     In Befragungen zur Suchtdiagnose findet sich auch die Frage zum Kontrollverlust. In der pathologischen Interpretation dieses Kontrollverlustes wird dieser Negativ dargestellt und zeigt bei Bejahung an, dass der Süchtige tatsächlich krank ist. In der mystischen Erfahrung und in den spirituellen Übungswegen ist dieser Kontrollverlust des Ego´s geradezu Vorraussetzung und erwünschenswertes Ziel, um einen inneren Raum für das Heilige zu bereiten, in dem dann die über das kleine Ich hinausgehende Dimension des Lebens erfahrbar werden kann.

2. Die Wahrnehmung über das Ich verändert sich
     Dieses beinhaltet die Wahrnehmungsveränderung auf der körperlichen und auf der psychischen oder seelischen Ebene. Empfindungen von Wärme oder Kälte, unerhörter Wachsamkeit, Durst, Erhöhung der Empfindungssensibilität, innerer Unruhe oder Gelöstheit treten in unterschiedlicher und typologisch geprägter Intensität auf. Das Ich verliert seine Bedeutung und seinen Halt, es löst sich gleichsam auf und tritt in den Hintergrund. Wer einmal einen LSD-Rausch erfahren hat, kann erahnen, was damit gemeint sein könnte. Für die anderen wird diese Perspektive auf das verlorengegangene Ich eher fremd bleiben. Das sonst so beständig und unverrückbar erscheinende Ich lässt einer Wirklichkeit den Vorzug, die im Alltagserleben der meisten Menschen wie Nicht-Vorhanden erscheint. Das Ich ist Ver-rückt. Es ist weg aus dem Mittelpunkt und verliert sich in der geleerten Fülle einer neuen Bewusstseinsdimension.

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3. Die Wahrnehmung von Raum/Zeit verschiebt sich
     Der oder die Berauschte/Entrückte verliert jeglichen Bezug zu Raum und Zeit und gewinnt die Fähigkeit, in der Intensität des Augenblicks die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft vereint zu erleben. Es existiert nur die Fülle der Ewigkeit, die im Jetzt in Erscheinung tritt und der er fähig ist, sich ganz hinzugeben. Das „Jetzt“ spielt gerade in den letzten Jahren eine immer bedeutendere Rolle in den spirituellen Schulungswegen. Die Fähigkeit zur Präsens in der Gegenwart möchte das Bewusstsein für die Erfahrbarkeit der Gegenwärtigkeit des göttlichen Mysteriums einen Raum bereiten. Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire hat sich intensiv mit Rauscherfahrungen beschäftigt und schreibt: „Zum Glück hat dieser entgrenzende Wahn nur eine Minute gedauert, denn ein mühsam errungener Moment der Klarheit hat euch erlaubt, nach der Standuhr hinüberzublicken. Aber schon tragen andere Gedanken euch in ihrer Strömung dahin; auch sie wird euch eine Minute in ihrem lebendigen Wirbel umtreiben, und diese Minute wird euch eine Ewigkeit währen. Denn die Menge und die Intensität der Vorstellungen und Gedanken sind so groß, dass die Proportionen der Zeit und des Daseins völlig durcheinander geraten. Es ist, als lebe man mehrere Menschenleben innerhalb einer Stunde.“ (zitiert aus: “Göttliche Gifte “, Alexnader Kupfer, S. 6)

     Auch das vertraute räumliche Empfinden tritt zurück. Aldous Huxley beschreibt seine Erfahrung mit folgenden Worten: „Lage und Entfernung verlieren stark an Interesse, und der Geist macht seine Wahrnehmungen in Begriffen der Daseinsintensität, der Bedeutungstiefe, der Beziehungen innerhalb einer bestimmten  Anordnung. ... Der Raum war noch immer da; aber er hatte sein Übergewicht verloren. Der Geist war an erster Stelle nicht mit den Maßen und räumlichen Beziehungen der Gegenstände zueinander befasst, sondern mit Sein und Sinn.“ (zitiert bei: “Der Haschischclub” Ulf Müller/Michael Zöllner (Hg.), S.136 ff, Aldous Huxley)  Auf die Frage bezüglich seines Gefühls zu Zeit antworte Huxley dem Experimentator während seiner Rauscherfahrung mit Meskalin: „Sie scheint reichlich vorhanden zu sein.“(zitiert bei: “Der Haschischclub” Ulf Müller/Michael Zöllner (Hg.), S.137, Aldous Huxley)

4. Paradies,  Zustände von Glückseligkeit, Einheit
     Auch hier sind Bände gefüllt worden mit Berichten über Einheits- und Erleuchtungserfahrungen, die in den unterschiedlichsten Kulturkreisen gemacht wurden. Ob es der Samadhizustand der Yogis ist, die plötzliche Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins in der Erfahrung des Satori im Zen, das Nirvana im Buddhismus oder der kontemplative Zustand in der unio mystica, den wir in der christlichen Mystik beschrieben finden - alle diese Begriffe verweisen auf eine transkonfessionelle, rationalistisch nicht erklärbare Erfahrungsdimension des menschlichen Bewusstseins, die kultur- und zeitübergreifend tiefe Spuren in der Entwicklungsgeschichte des Menschen hinterlassen hat und auf die Wurzeln und die Quelle der Religionen und großen Weisheitstraditionen verweist.

5. Hölle, die Begegnung mit dem Dunklen, dem Schatten und dem Bösen
     „Als Horrortrip (engl. bad trip) wird umgangssprachlich ein Drogenrausch bezeichnet, bei dem es zu starken Angstzuständen kommt. Er kann durch verschiedene psychotrope Substanzen ausgelöst werden. Personen, die einen Horrortrip erleben, haben  Panik-Anfälle, das Gefühl des Alleinseins, Wein- bzw. Schreikrämpfe, Verfolgungswahn oder Todesangst.“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Horrortrip )

     In der mystischen Tradition finden wir den Begriff der „dunklen Nacht der Seele“.  Da mystische oder Rauscherfahrungen besonders„dünnhäutig“, sensibel, feinfühlig und empfindsam stimmen können, führen sie dazu, dass unbewusste Inhalte, unerlöste Themen, nicht verarbeitete Ereignisse und Erfahrungen in das Bewusstsein gespült werden und sich dort während einer Rauscherfahrung in Bildern, Gefühlen oder Phantasien „ausspinnen“. Gerade hierfür braucht es eine erfahrene Begleitung, die solche Ereignisse zu deuten und zu interpretieren weiß, damit eine Integration dieser bewusstgewordenen Wachstumsaufgaben gelingen kann.

In der Rauscherfahrung wird nichts sichtbar, was nicht in irgendeiner Weise im Bewusstsein als Potential bereits vorhanden ist. Das ist einerseits tröstlich, andererseits macht es auch darauf aufmerksam, dass bestimmte Erinnerungen und Inhalte zum eigenen Schutz im Verborgenen bleiben sollten. Es sollte jedem bewusst sein, dass sowohl ein spiritueller Übungsweg als auch eine substanz- oder methodisch induzierte Rauscherfahrung auch diese Möglichkeit zu einem „Horrortrip“ - dem Blick in den Höllengrund bereithält. Eine Sufiweisheit beschreibt diesen Höllenpfad sehr zutreffend: „Für einen Anfänger ist der Pfad wie die Folge von Klassenstufen in der Schule. Für einen geübten Schüler ist der Pfad wie eine Schenke. Für einen hochentwickelten Geistesschüler ist der Pfad wie ein Trümmerhaufen.“ (zitiert aus: ”Die Perle der Sufis”, Seyed M. Azmayesh )Daher verweisen die spirituellen Traditionen zunächst auf die Notwendig der Stärkung und Stabilität des Ich´s, bevor das Ich verwandelt werden kann, damit der Raum für die überweltliche Erfahrung  - das „Tor zum Geheimen“ (Karlfried Graf von Dürckheim) offen steht. Die „dunkle Nacht der Seele“, scheint unvermeidbare Vorbedingung für die Weiterentwicklung des Bewusstseins zu sein. Frage ist nur wie ich mit ihr umgehe. „Ein Mystiker schwimmt in dem Meer der Fülle des Seins. Ein Unwissender ertrinkt darin.“

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6. Das  Für-Wahr-Nehmen des Erlebten, die Gewissheit über das Erlebte
Die im Rausch gemachten Erfahrungen verlieren sich nicht im Vergessen. Oftmals sind die Einsichten, Bilder oder Erkenntnisse lange nach dem Rauscherleben abrufbar und können dabei verhelfen, das Geschaute zu interpretieren oder zu integrieren. Somit kann eine im Rausch gewonnene Inspiration im normal erlebten Alltag weiterwirken und diesen prägend gestalten. Eine Rauscherfahrung kann das ganze Leben nachhaltig und grundlegend verwandeln. Sie gleicht in mancher Hinsicht den Berichten von Menschen, die eine Nahtoderfahrung oder eine andere sogenannte extreme Gipfelerfahrung erlebt haben. Diese wird oftmals als Grund für eine tiefgreifende und permanente Lebensveränderung angegeben.

Die geschilderten Kennzeichen des Rausches oder einer mystischen Erfahrung können natürlich nicht die ganze Wirklichkeit dieses Ereignisses wiedergeben. Vielmehr möchte die vorangegangene  Darstellung nur die Tatsache unterstreichen, dass „die Summe der Bilder und Impressionen sich sprachlich nicht dingfest machen lässt und dass selbst bei größter Anstrengung um eine präzise Beschreibung stets ein Rest übrigbleibt, der in den gewählten Worten nicht zum Ausdruck kommt. Im Rausch finden wir also etwas vor, das uns und unser Fassungsvermögen übersteigt und doch unserer eigenen Persönlichkeit entspringt; wir begegnen sozusagen dem Mysteriösen in uns selbst.“ (zitiert aus: “Göttliche Gifte “, Alexander Kupfer, S. 7)

Schlussgedanken
Möge das Ausgeführte als Anregung und Inspiration verstanden sein und vielleicht Ihren eigenen Gedanken und Ihrem Interesse „entgegenrauschen“ und Sie zur eigenen weiteren Erforschung dieses Themas einladen, sowie für den Einen oder die Andere das Interesse an dem Ganzwerdungs- und Genesungsprozess wecken. Ein Prozess, der in der Tiefe verwandeln kann und befähigen möchte, authentisch und ein Stück Heilgeworden in der Welt und im Alltag zu leben.

Mit einem Gedanken zum Wein möchte ich enden. Wein ist in der mystischen Bildersprache die symbolische Bezeichnung für die Gegenwärtigkeit des Heiligen, das in der Musik, in der Natur, in den Menschen und in den unzähligen Farben und Formen der ganzen Schöpfung anwesend ist. Ein alter Sufimystiker sagt:

„Sprich einzig
nur vom Wein und schweig
zum rätselhaften All, denn niemand kann das Rätsel lösen.
Sei glücklich und sei
trunken in Gott.“


(zitiert aus: ”Die Perle der Sufis”, Seyed M. Azmayesh )



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse.

 

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