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Kraftfeld Leben - das Ich in Potential und Fehlform
Vortrag im Haus am Schüberg, am 19. Juli 2012
© Stephan Hachtmann 2012


Wenn wir uns in diesen Tagen mit den Leidenschaften und Tugenden beschäftigen und dieses vor dem Hintergrund der Sehnsucht unseres Herzens nach innerem Frieden geschieht, dann erscheint die genaue Kenntnis unseres Ich´s im Umgang mit diesen Mechanismen und Möglichkeiten des Bewusstseins notwendig und hilfreich zu sein. Unser Ich reagiert und antwortet in jedem Augenblick sowohl auf innere wie auch auf äußere Kräfte oder Berührungen. Es tritt auf unterschiedlichste Art und Weise in Beziehung zu sich selbst, zum Nächsten, zur Welt und zu Gott.

In der hebräischen Tradition findet sich eine entscheidende und essenzielle Aussage Gottes über sich und seine allumfassende Qualität. Auf die Frage Moses, wie denn sein Name sei, antwortet das Ewige aus dem nicht verbrennenden Dornenbusch: „Ich bin das ICH BIN.“ Ich bin das Werdende und das Seiende. A und O - das Allumfassende - in jedem Jetzt - zu allen Zeiten - in allen Räumen - in jedem Wesen – ICH BIN Alles in Allem. Dieser Aussage folgend gewinnt das ICH BIN eine herausragende Bedeutung und bezeichnet alles Sein als durchdrungen und belebKraftfeld-Leben-Abb-1t von dieser Wahrheit und Kraft. Werdende und sich ausformende Inkarnation in Zeit und Raum und zugleich heiliger Repräsentant einer über alles Zeitliche und Räumliche hinausweisenden Dimension.

Unser lebendiges und dynamisches Ich versucht in allem Raumzeitlichen, Gegensätzlichen und Gegenständlichen etwas zu erspüren, das über alles Raumzeitliche, Gegensätzliche und Gegenständliche hinausweist. Das über uns Hinausweisende ist dabei der Quellgrund, der uns belebt und in dem unser tiefster Wesensgrund beheimatet ist. Orientierung ertastend, versuchen wir auf unserem Lebensreiseweg immer genauer zu erspüren und zu unterscheiden, was der Erfüllung dieser Sehnsucht dient oder was ihr eher im Wege steht.

Menschliches Erleben gleicht oftmals einem Zustand, in dem der Mensch sich wie in einem Vogelkäfig gefangen erlebt. Unter den Bedingungen der Gefangenschaft leidend, erwacht die Sehnsucht nach Freiheit und die Erinnerung an die ursprüngliche Ganzheit - derweil sich die Begrenzungen des Käfigs zunehmend als Illusion herausstellen. Dieser Erinnerungsprozess ist der Ganzwerdungsweg des Menschen in die Freiheit und  zu seinem wahren ICH BIN, zum wahren DU im Nächsten und zu der Erkenntnis des Heiligen im allumfassenden ES.

Um diese Freiheit zu verwirklichen, benennt Dürckheim als Grundaufgabe jedes menschlichen Seins die Sichtbarwerdung seines doppelten Ursprunges:  ganz Mensch und zugleich ganz Göttlich. Dazu verwendet er ein Begriffspaar, um dieses zu verdeutlichen und voneinander zu unterscheiden. Welt-Ich und Wesen. Das Welt-Ich ist das ganz in Zeit und Raum - in der Welt - verortete Ich, das weiß, kann und hat, das vergänglich ist und den Gegebenheiten in Zeit und Raum unterliegt. Demgegenüber ist das Wesen „die Weise, in der der unendliche Ursprung des Menschen in seiner ichbedingten Endlichkeit anwesend ist. Das Wesen ist die Weise, in der das Sein in einem Menschen danach drängt, in bestimmter Gestalt offenbar zu werden in der Welt.“ (Karlfried Graf Dürckheim, Vom doppelten Ursprung des Menschen, Verlag Herder, Freiburg 1973, S. 51)

Dürckheim hat eine grundlegende Fragestellung von dem Schüler Gurdjieffs und esoterischen Schriftsteller P.D. Ouspensky übernommen, die dieser in seinem Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ einige Jahrzehnte vor ihm bereits für Wesentlich befunden hatte: „Wie kommt der Ivanov durch den Petrowitsch?“ (P.D. Ouspensky, „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“, Otto Wilhelm Barth-Verlag, München, 1966,  S. 326 f)  Was meint das? Es ist die Frage nach dem Durchlässig werden für  das Wesen im Welt-Ich. Das Wahrnehmen des Unsichtbaren im Sichtbaren; das Sichtbarwerden des Transzendenten im Immanenten; erinnern des Göttlichen in jedem Menschen als Christusbewusstsein; Inkarnation des Wortes ins Fleisch … Wenn der Nachname für das in der Welt geworden Sein steht, mit allen biografischen, ökonomischen, soziologischen und kulturellen Prägungen, Werten und Erfolgen, dann steht für den Vornamen, die alles Weltliche transzendierende Qualität des Seins, das im über-die-Welthinausweisenden seinen Ursprung hat und von dort her alles Werden belebt und bewirkt. Das bleibt also entscheidende und wesensgerechte Aufgabe des Menschen. Mit seinem ganzen Leben Antwort zu geben und sichtbar zu machen, aus welcher Quelle des Lebens er schöpft. „Wie kommt der Karlfried durch den Dürckheim? Wie kommt der Stephan durch den Hachtmann?“

Dieser lebenslange Prozess bewegt uns weg von der Dominanz eines am Haben, Können und Wissen ausgerichteten Seins (oder auch ausschließlich auf Vergangenheit oder Zukunft gerichteten Seins) hin zu einem Sein, das uns dazu befreit, die Gegenwart, sich selbst und den anderen so anzunehmen, wie er/sie/es ist. In anderen Worten: „Dein Wille geschehe“ oder „Annehmen und Lieben was ist“. In der Befähigung zu bedingungsloser Akzeptanz kann der Mensch dann eine Qualität entdecken, die sein ausschließlich weltbezogenes Sein in einen viel weiteren, freieren und offeneren Zusammenhang stellt. Ein Sufimeister sagt: „Akzeptanz ist, dass das Herz auf die ewige Wahl Gottes für seinen Diener hört, denn er weiß, das Gott das Beste für ihn ausgewählt hat. Er nimmt es an und gibt alle Unzufriedenheit auf.“Kraftfeld-Leben-Abb-2

Doch wie können wir unser Ich-Bewusstsein so verwandeln, damit diese verlockende Ruhe des Herzens dauerhaft in uns einkehrt und nicht durch jede kleine oder große Lebensdramatik ihre Präsenz in uns verliert? Kann unser Ich das überhaupt oder ist es mit seinen eigen Vorstellungen, schicksalhaften Prägungen und Machbarkeitsphantasien nicht gerade das größte Hindernis auf diesem Weg? Wie können wir unser ICH so enttarnen, enthüllen und freilegen, dass es sich in seiner ICH BIN-Wesenheit erkennt und aus diesem Bewusstsein heraus frei wird. Frei für und in sich selbst. Frei in seinem verantwortungsvollen Handeln in der Welt. Frei in seiner Hingabe und Liebe an die Schöpfung und den Nächsten. Frei in seiner Hinwendung zum Göttlichen. Frei in seiner selbstsüchtigen Egozentrik.

In dem Bild vom Käfig erlebt der Mensch seine Trennung und so kann er unter dem Eindruck des Leidens in seinem Käfig-Dasein zu den wirklich wichtigen Fragen erwachen. Mittels dieser Fragestellungen kann ein heilvolles Wandlungsgeschehen in Bewegung kommen, das uns mit den wirklich bedeutsamen Quellgründen des Lebens verbindet und unser Verhältnis zu uns selbst, zum Nächsten, zur Welt und zu Gott klären und transformieren möchte. Dürckheim benennt die „fünf großen W´s“ als durch alle Zeiten hindurch wiederkehrende und alle menschliche Sehnsucht bestimmende Grundfragen. Wer oder was bin ich? – Existenzielle und allgemein in den Focus rückende Frage zur Grundstruktur des Seins an sich. Wo bin ich? Topographische Bestimmung des Ur-Menschen. Frage Gottes an die menschliche Existenz „Mensch, wo bist Du?“ Wann bin ich? – Frage nach der zeitlichen Dimension im Angesicht von Geburt – Leben – Vergänglichkeit und Sterben. Und schlussendlich die Fragen nach dem Ursprung, dem Mittelpunkt und dem Ziel allen Daseins: Woher komme ich? Wohin gehe ich?

Kraftfeld-Leben-Abb-3Auch die Wüstenmütter und -väter haben sich diesen Ur-Fragen der Menschheit gestellt und sind ihren Spuren gefolgt. Mit ihrem ganzen Lebensvollzug haben sie versucht, Antwort zu geben und einige haben einen inneren Frieden in ihrem Herzen gefunden, den sie mit dem Begriff der hesychia umschrieben. Die hesychia - die Ruhe des Herzens verheißt uns Akzeptanz, Gelassenheit, Ganzheit, Einheit, in-der-Mitte-sein und Heil-sein. Beruhigung aller unserer Fragen und das Ruhen unseres „unruhigen Herzens in Gott“, wie es der Kirchenvater Augustin beschrieb. Die hesychia verweist auf eine Wirklichkeit des Lebens, die uns in unserem Alltagserleben zumeist abhanden gekommen ist und vergessen wurde. Auf der inneren Erfahrungsebene erleben wir uns in solchen herzensberuhigten Augenblicken tief geborgen und verbunden mit der ursprünglichen Dimension des Lebens. Wir spüren uns präsent und wach im gegenwärtigen Augenblick verwurzelt, geliebt von einer Kraft die Ewigkeit verströmt und in Verbundenheit mit der geheimnisvollen Schönheit des Lebens, die aus allen Menschen und Dingen zu uns spricht. Es ist dann so, als ob wir das verborgen wirkende Wunder des Lebens plötzlich in seiner ganzen Fülle schmecken könnten. Scheinbar ganz einfach öffnet sich manchmal dieses „Tor zum Geheimen“.  Kurze Zeit später finden wir uns jedoch meistens in unseren „normalen“ Bedingungen und Lebensumständen wieder, unter denen wir im Alltag leben, leiden und in denen wir uns oftmals scheinbar unentrinnbar gefangen erleben.

Die Entfaltung unseres Ich´s geschieht als ewiges Werden zu dem, was schon längst da ist - „Werde, was du schon bist“ (Gregor vom Sinai) und vollzieht sich in ganz eigenständigen Entwicklungsphasen, wobei verschiedenste Bereiche und Räume des Bewusstseins zu unterschiedlichen Zeiten in den Blick kommen und reifen, entfaltet, integriert und ganz werden wollen. Entsprechend unserer individuellen Möglichkeiten, typologischen Zugänge und vorbefindlichen Rahmenbedingungen, offenbart sich unser Ganzwerden als ein wegloser Weg, der den in uns bereits angelegten Wesensgrund in Raum und Zeit erinnert, ausfaltet und bezeugt.

Wichtig erscheint mir dabei zu betonen, dass die beschriebenen fünf Erscheinungsformen des Ich´s nicht statisch und absolut verstanden sein möchten. Die Entwicklungs- und Erkenntnisprozesse des Ich´s verlaufen eher zirkulär denn linear und folgen eher asynchron, sprunghaft und diskontinuierlich, als ergebnisorientiert und vorherbestimmbar der Verheißung des Lebens. Somit gleichen diese Standortbestimmungen eher typologischen Orientierungshilfen denn einer präzisen Beschreibung.

In den nachfolgenden Ausführungen möchte ich einige Merkmale und Erscheinungsweisen des Ich´s näher betrachten und orientiere mich dabei vor allem an den Ausführungen von Karlfried Graf Dürckheim, der zu diesem Aspekt im Bewusstwerdungsprozess grundlegende  Erkenntnisse  zusammengetragen hat.  (Karlfried Graf Dürckheim, Vom doppelten Ursprung des Menschen, Verlag Herder, Freiburg 1973, ab S. 49 ff)

Das Geglückte im Ich
Das Geglückte im Ich bezeichnet eine Ich-Form, in der sich das Ich ganz im Sein gegründet weiß und worin es Sinn, Glück und Geborgenheit findet, diesem dient und dieses in der Welt bezeugt. Das geglückte Ich ist eine lebendige Gestalt, die transparent für den Wesensgrund ist und somit durchlässig und empfindsam auf die jeweiligen Wachstumsaufgaben und -anforderungen reagieren kann. Es nimmt sich kraftvoll und ganz im Leben gegründet wahr und sagt: „Ich bin ich.“

Dürckheim beschreibt drei verschiedene Aspekte dieser das Bewusstsein festhaltenden Identität „Ich bin ich“.
1.Ich bin ich und will es bleiben – also das Feststehen des Ich´s in allem Wandel;
2.Ich bin ich, ein Eigener, bestimmt zu eigener Gestalt – also die Besonderheit des Ich-Seins im Unterschied zu anderen;
3.Ich bin ich und bewahre mich gegen das  andere (Du), das heißt die sich wahrende Abgesetztheit und Gegensätzlichkeit des Ich-Seins gegen das andere (Ebd., S. 50)

Im geglückten Ich ist die Eigenständigkeit und Durchsetzungskraft gegenüber den Begierden und Triebe vollzogen und der Schritt gelungen, eine Beziehung zu der Bewusstseinsstufe der „Werte“ herzustellen.

„Seinen festen stand im Ich und eine objektiv feststehende Welt zu finden ist dem Menschen notwendig. Es wird ihm jedoch verhängnisvoll, wo er sich allein in ihr niederzulassen und auf „ewig“ einzugraben versucht.“ (Ebd., S. 54)

Der Ich-geglückte Mensch entwickelt seine in der Welt erreichten Positionen, Ansichten oder Besitztümer und bleibt in allem dennoch ahnungsvoll lebendig und offen für die Möglichkeit des „Unsichtbaren in allem Sichtbaren“. Er lebt aus seinem in der Welt sich manifestierenden Ich, existiert aber, wenn auch eher unwissend, aus einer „geheimnisvollen  Tiefenelastizität“ (Dürckheim) und aus der Verbundenheit mit seinem Wesenskern.

Die rechte Gestalt oder die Entwicklung eines kraftvollen und gesundes Ich´s ist die Grundvoraussetzung für das Einfließen des Gnadenhaften. Das gut gegründete und geformte Ich ist damit der Kelch und das Gefäß - der Tempel, in dem das Heilige inkarniert und sich in der Welt ausdrückt. Wohnort und bergende Hülle - Mitte und Herzenskraft, aus der heraus das rechte Maß und die rechte Balance gefunden werden kann, um in den Gegebenheiten der Welt nicht verloren zu gehen.

Der Mensch ist auf sein Ich angewiesen und sein Leben wird ihm sowohl Segen als auch Katastrophen bescheren und er wird definitiv dieses Leben mit seinem irdischen Tod beenden. Aus diesem Angewiesensein auf die Widerfahrnisse des Lebens erwächst eine zweifache Gefahr.

„Entweder verhindert das Welt-Ich, wo es allzusehr vorherrscht, das Zulassen der Mitte, aus der die Ganzheit des Lebens spricht. Oder es fehlt, wo nicht genügend Ich sich gebildet hat, jene Form, die Gestalt, ohne die das Wesen nicht „Mensch“ und nicht weltfähig wird.“ (Ebd., S. 60)
 
Dürckheim unterscheidet verschiedene Fehlformen des Ichs. In der einen ist dieser Ich-Ausdruck verhärtet und erstarrt und in der anderen aufgelöst, kraftlos und ungeformt, da es noch zu keinem wirklichen Ausdruck gefunden hat. Dürckheim spricht von den Fehlformen des Ichs  - dabei es ist wichtig hervorzuheben, dass die beschriebene „Fehlform“ ein möglicher Teilaspekt in der unendlichen Vielfalt und Gesamtheit innerhalb der verschiedenen Gestaltungsräume des Ichs repräsentiert. Diese fehlgeleitete Ich-form ist kein Mangel, sondern der zu füllende Raum in dem Wachstum geschieht - würde mein Lehrer Franz vermutlich sagen. Doch kommen wir zu der ersten beschriebenen Gestaltungs- und Ausdrucksform des Ichs  und seinen typologisch allgemeinen Merkmalen.

Das Erstarrte im Ich
Das Erstarrte in unserem Bewusstsein lässt sich durch seinen fixierenden und feststellenden Charakterzug kennzeichnen. In ihm finden wir ein Bestreben, sich innerhalb der festgefügten, geordneten und gesicherten Umstände des Lebens zu behaupten. Diese Ausdrucksweise des Ichs bezieht sich auf die praktischen und konkreten Alltagsbewältigungsstrategien, auf den Bereich der Ideen und der Erkenntnisse, sowie auf ethische und moralische Haltungen und Wertvorstellungen. Daraus wird ersichtlich, dass diese Haltung umfassend das ganze Denken, Fühlen und Handeln bestimmt und steuert.

Diese Haltung bevorzugt es, an dem Gewonnen festzuhalten und leidet unter allem, was sich innerlich oder äußerlich verändert. Da Leben sich aber gerade durch das Veränderliche, Ungesicherte und Vergängliche vollzieht, sieht sich dieser Mensch in seinen Ansichten/Positionen immer wieder in Frage gestellt. Das Leben und andere Menschen provozieren die ihm zwar vertrauten aber starren Haltungen und so fühlt er sich immer eigenwilliger dazu aufgerufen, seine Positionen zu verteidigen, sie zu festigen, sich abzusichern und sich zu beweisen, dass er Richtig liegt. Sein „Standpunkt“ in der Welt wird immer festgelegter und härter - doch wird er damit noch lange nicht in sich gegründeter oder sicherer.

Ein Symptom dieses sich absichernden Ich´s ist sein Hang zum Perfektionismus. Irritiert über die große Kluft seiner Vorstellungen von der Welt und die vorbefindliche Realität, klagt er über die Ungerechtigkeit des Schicksals, verzweifelt an der eigenen Unzulänglichkeit und scheitert an den lebensfernen Ansprüchen seines alles-Richtig-machen Wollens. Kraftfeld-Leben-Abb-4

So kann sich dieser Mensch schlussendlich mit dem Glaubenssatz wiederfinden: „Es hat ja doch alles keinen Sinn.“ Seinen festgefügten Vorstellungen von der Welt finden im Leben offensichtlich wenig Widerhall und so wird dieser Mensch den Rest seines Glaubens verwerfen und alles in Frage stellen. Dabei verpasst der in seinem eigenen Ich-Kreis Gefangene den Sinn und die Tiefe seines Lebens, das jenseits von Sinn und Unsinn, jenseits der Gegensätze und jenseits des nur in der Welt Seienden Bestand hat.

Doch das Leben zwingt ihn immer wieder neu an die Grenzen und zur Überprüfung seiner Vorstellungen. Erst sein Eingeständnis am Scheitern seiner Ansichten und Positionen würde eine neue Perspektive öffnen, aus der heraus Wandlung geschieht und er Einsicht in die Tiefenzusammenhänge des Lebens erhält.

In sozialen Bezügen wird ein Mensch, der sich ständig absichernd in seinen Ansichten bewegt, oftmals unauthentisch und fassadenhaft erlebt. Voller Angst um den Verlust seines scheinbar sicheren Lebensentwurfes und mit großem Aufwand, muss er sein Scheitern um jeden Preis vermeiden. Dieser Mensch kreist um sich, seine Rolle in der Welt und lebt darin seine egozentrische und egoistische Seite voll aus, unter der er selber und sein Umfeld leidet. In diesem Verhalten zeigt sich ein klassisches Täterprofil und wirkt nach außen starr oder dominant, obwohl sich darunter eine sehr schwache Ich-Struktur verbirgt, die die Reise zur Wahrheit und Potentialität des eigenen Wesensgrundes noch gar nicht wirklich begonnen hat. 

„Der im Ich gefangene Mensch ist seiner eigenen Tiefe gegenüber verschlossen und fremd. Er ist abgeriegelt gegen sein Wesen und so auch gegen die ihn erneuernde Fülle, sinnverleibende Ordnung und Einigungskraft aus dem in seinem Wesen lebendigen, allem Daseinsordnungen überlegenen Sein.“ (Ebd., S. 65)  

Jeder Erfolg und jedes Gelingen in der Welt kann diesen Mangel nicht aufheben - im Gegenteil: Je größer der Ruhm und die Anerkennung, der Gewinn oder die Wertschätzung der Welt ihn bestimmt, desto größer wird seine Angst vor dem Zusammenbruch. Oftmals sind es gerade im Ich erstarrte Persönlichkeiten, die in der Welt Positionen innehalten und Erfolge verbuchen. Dabei erleben sie sich aber zugleich verkrampft, unglücklich und innerlich zerrissen. Scheinbar unausweichlich entwickelt gerade diese Ich-Konstellation große Potentiale und Kräfte, um damit die „Schätze dieser Welt“ zu heben. Doch die Weisheitstraditionen verweisen auf die eigentlichen Schätze und beschreiben uns andere Orte, wo sie gehoben werden sollen: „…denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6, 21) Der Mensch braucht in seinem Leben einen von den Weltbedingungen unabhängigen Boden, denn in der Welt hat anscheinend nur das wirklich Bestand, was im Überweltlichen beheimatet und gegründet ist. In zahlreichen Lebensleistungen von Managern, Künstlern, Politikern findet sich dieser Typ des Ich´s und verdeckt neben der Idealisierung die unendliche Einsamkeit und innere Not, mit der sich solche Menschen oftmals auf der Weltbühne bewegen.
Kommen wir zur nächsten Fehlform des Ich´s. Bei dem Menschen mit zu viel Ich kann nichts hinein und was drinnen ist, kann nicht heraus. Demgegenüber ist ein kennzeichnendes Merkmal für den Menschen mit zu wenig Ich, seine Offenheit. Er lässt alles herein, aber er kann nichts halten. Ohne Hülle, Grund und Halt ist er der Welt und sich selber gegenüber ausgeliefert.

Das Haltlose im Ich
Entgrenzend und grenzüberschreitend kann das Ich, dem das Bodenständige und die innere Struktur fehlt, den Kräften der Welt gegenüber aufgrund seiner mangelnden Stabilität und innere Stärke, wenig entgegensetzen. Hilflos und sprunghaft ist er den hereinbrechenden Gefühlen, Ereignissen und Beziehungen preisgegeben und ohne Stetigkeit oder Linie. „Die Welt macht mit mir, was sie will.“ Der rote Faden in seinem Leben wird kaum sichtbar und das sich Behaupten müssen gegenüber den Wirrnissen der Welt, wird ihm immer schwieriger und neu zum Problem.
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Sich selbst verlierend passt sich dieses Ich´s oftmals den Anforderungen, Bedürfnissen, Umständen anderer Personen an und läuft dabei große Gefahr, aus einer Opferhaltung heraus verloren und gefangen zu gehen. Aus der Angst heraus, sich zu verleugnen, wird dieses Ich immer wieder dazu geneigt sein, sich gänzlich zu verschließen.

Da in ihm die Form und die Ich-Struktur wenig Gestalt hat, leidet er an diesem Mangel, wobei die ihm gemäße Ich-Haltung und Bodenhaftung, ja gerade eine Perspektive öffnen könnte, die von seinem tiefsten Wesen zeugt. Ein schwer zu entkommender Kreislauf von angstvoller Maßlosigkeit und sich selbst verleugnender Angepasstheit. Form- und haltlos ist er hin und hergerissen zwischen zu großer Offenheit, überstürzten Abbrüchen und vorschnellem Rückzug in die eigene Höhle.

Während es also bei diesem Ich nicht verwundert, dass es sich aus Angst vor dem Ausgeliefertsein in einen verkrampften Widerstand zurückzieht, wählt das verhärtete und erstarrte Ich den Ausweg aus diesem Zustand, in dem es sich hin und wieder in einem alles auflösenden Rausch flüchtet und dort ein wenig Entspannung sucht. Das Ich-Erstarrte liebt es, seine angestaute Energie im ekstatischen Rausch aufzulösen. Das Haltlose im Ich liebt es, in eisige Starre zu verfallen, um sich zu schützen oder um sich zu spüren. Suchtmuster finden sich bei beiden Typen, denn Sucht in allen ihren Schattierungen sorgt für eine gewisse Pause und Unterbrechung, von dem jeweils vorherrschenden Verhaltensmuster.

Komplementär meldet sich die unbeachtete und unerlöste Seite mit aller Macht zu Wort. „Ebenso wie der im Ichgehäuse Gefangene aus seiner Verhärtung in der Gefahr plötzlicher Explosionen und unerwarteter Auflösung steht, so ist der andere, der zu wenig „Panzerung“ hat, in der Gefahr plötzlicher Verspannung und Erstarrung, die voller Gift und verhaltener Aggression ist.“ (Ebd., S. 65)

Wenn es um das Einbrechen transzendenter Zustände, beglückender spiritueller Einsichten oder heilsamer Erfahrungen geht, können diese bei dem haltlosen Ich zumeist wenig Boden und Haftungsmöglichkeiten vorfinden und verflüchtigen sich dann ebenso lautlos und schnell, wie sie erschienen sind. „Das Erlebte zerrinnt an der Unfähigkeit, es innere Gestalt werden zu lassen.“ Und so ist dieser Mensch oftmals zu „himmelhochjauzend und zu Tode betrübt“. Er stürzt vom Lichtvollen des Himmels in die dunklen Tiefen der Erde und da er völlig offen und widerstandslos ist, kann er weder von dem einen noch von dem anderen fruchtbare Einsichten gewinnen und seine beglückenden Erfahrungen hinterlassen keine formende Spur.

In ein schwaches und unterentwickeltes Ich können sowohl alle dunklen und zerstörerischen Kräfte eindringen und dort ihr Werk verrichten, als auch alle Geschenke des Himmels. Im letzteren Fall können diese Gaben sich nicht wirklich entfalten, da sie wenig Halt und Gefäß vorfinden. Wenn es dann doch einmal geschieht, das der Ich-lose Mensch einmal mit seinem Wesensgrund eine nachhaltig wirkende Erfahrung geschenkt bekommt, dann kann diese der Ausgangpunkt sein, damit sein unentfaltetes Ich zunächst Stärkung und Gestalt bekommt und er dadurch immer befähigter wird, das Erfahrene zu halten. Schritt für Schritt  kann er so immer durchlässiger für das in ihm anwesend seiende Urbild der Schönheit werden.

In einer weiteren Gestalt des „verunglückten“ Ich´s betritt nun der Harmoniker die Bühne.

Das Harmonisierende im Ich
Es geht hierbei um die übertrieben harmonisierende Ausdrucksweise, die aufgrund ihrer Oberflächenanhaftung den Gang in die Tiefe scheut und sich damit den Zugang zum Wesen verstellt. Dürckheim fand diesen Aspekt so wichtig, dass er ihm einen eigenen Abschnitt widmete.

Was ist das Harmonisierende in unserem Ich, das unseren Wesenskern verhüllt? Dürckheim beschreibt diesen Typus als jemand, der weder verkrampft noch aufgelöst ist, sondern sich anpassungsfähig in jede beliebige Situation und Aufgabe einspielen kann, sodass es für ihn selbst und die anderen angenehm ist. „Er versteht es, die Wohligkeit seiner inneren Lage gegen jeden Einbruch von innen und außen elastisch abzuschirmen, und weil er in der Welt niemals anstößt, nimmt er auch an sich selbst keinen Anstoß. Aber was ihm fehlt ist die Tiefe. Munter plätschert er an der Oberfläche dahin.“  (Ebd., S. 69)

Liebenswürdig und unverbindlich kann er sich hingeben und gelöst sein, doch ohne wirklich aus dem Herzen zu geben. Seine ausgewogenen Klarheit und sein bestimmtes Auftreten, bleiben dennoch eine ewige Kompromisslösung, die aus einer liebenswürdigen Egozentrik heraus alle beschenkt, ohne dabei sich selbst zu hinterfragen. Scheinbar ist bei diesem Wesenszug alles im Einklang mit sich selbst. „Er tritt auf, ohne weh zu tun, und er tritt ab, ohne etwas zu verlieren.“

Angepasst und alles Gefährliche weichspülend, gerät dieses lauwarme und halblichte Wesen aber zunehmend auf Schlingerkurs und es kommt für ihn der Augenblick, in dem ihn eine geheime Angst befällt.

„Es wird ihm unheimlich, wie glatt alles geht, und er fühlt, wie flach und leer er ist und irgendwie schuldig. So ein Menschmuss irgendwann  einmal lernen sein Herz hinzugeben als auch, sich zu stellen und sich zu wagen.“ 

Während bei den beiden vorangegangen Beschreibungen die Erlösung aus dem Dilemma mit einer beglückenden und befreienden Erfahrung einhergeht, zeigt sich in diesem Fall ein erschreckendes und schmerzhaftes Erwachen in eine Wirklichkeit, die sich ihrer Tiefe bewusst wird und  sich plötzlich in aller Ungeschütztheit den dunklen und leidvollen Aspekten des Lebens ausgesetzt und gegenübergestellt erlebt. Gelingt aber dieser gewagte Sprung in das Unbekannte, kann hierbei die verwandelnde Berührung mit einem Grund erfahren werden, aus der ein echter Kontakt zu einem Du aus der Wahrheit der Herzenstiefe erwächst.

Das Mündige im Ich
Dürckheim beschreibt in seinem letzten Abschnitt zum Ich einen Menschen, der aus dem Gefängnis des Welt-Ich befreit ist und gereift die Verantwortung für die Bezeugung des Wesens übernimmt. Dieses Ich hat eine weltunabhängige Freiheit gewonnen, begibt sich ganz in den Fluss des Seins und lässt dieses durch sich hindurchtönen (personare - hindurchtönend). „Der zur Reife Gelangte weiß, hat und kann nicht mehr als der Unreife, aber er ist mehr als der noch nicht Gereifte.“ (Dürckheim)

Das mündig werdende Ich stellt sich in den Dienst des sich im Augenblick manifestierenden Seins. Die raumzeitlich bedingte Fixiertheit wird aufgegeben zugunsten einer überraumzeitlichen  Lebensbezogenheit, die sich am Unbedingten orientiert. Der Himmel einigt sich in ihm mit der Erde und erschafft aus der Wahrnehmung dieser Verbundenheit den neuen Himmel und die neue Erde. Das kleine Ich bin verbindet sich in ihm mit dem großen ICH BIN. (vgl. hierzu: Stephan Hachtmann, Berührt vom Klang der Liebe - Wege zum Herzensgebet, Kreuzverlag, Freiburg, 2012, ab Seite 120 ff)

Genährt von einem tiefen Vertrauen hat dieser Mensch eine gewisse Ahnung oder Fühlung mit seinem Wesen gefunden. Nach Dürckheim ist das Wesen „die Weise, in der das Überweltliche (gemeint ist das Heilige, unsere Christusnatur, das neue Sein, der neue Adam …) in uns sichtbar wird (das Tor zum Geheimen öffnet sich) und in uns und durch uns in der Welt bezeugt sein möchte.“ (vgl. auch Abschnitt weiter oben) In seiner Wesenstiefe hat das Ich-Bin des Menschen Anteil an der in ihm inkarnierten Dimension des Heiligen – des großen ICH BIN. Diese Teilhabe ist Teilhabe an einem über die Welt hinausweisenden Sein und wird in der orthodoxen Tradition auch als theosis bezeichnet - Vergöttlichung des Menschen - Erinnerung an seine untrennbare und ursprüngliche Ebenbildlichkeit.

Aus dem, was diesem Mensch wiederfährt, kann er Einsichtskraft, Stärke und Vertrauen gewinnen, die ihn befähigt, in allem Zerstörerischen und Vergänglichen - also dem Leiden an der Welt, Sinn und Ordnung zu entdecken. In allem Bedingten erkennt er eine verborgen wirkende Gesetzmäßigkeit, der eine heilige Ordnung zugrunde liegt, die über das Gefährliche, Gegensätzliche und Vergängliche hinausweist und ihn zugleich in seiner raumzeitlichen Lebenswirklichkeit beheimatet und eins werden lässt mit dieser Welt. Vor dem Hintergrund dieser verheißungsvollen Erfahrungen erwächst in ihm eine zunehmende Motivation und Fähigkeit zu Klärung, Wandlung und Heilung. Aus einem inneren Wissen heraus, kann dieser Mensch an das Wahre, Gute und Schöne in Allem glauben und sich ihm anvertrauen.

Dieser Mensch gewinnt ein tiefes Vertrauen in sein Sein, so wie es jetzt ist. Er fühlt sich angenommen, geborgen, frei und liebenswert - wir sprechen oft von der Einzigartigkeit und Kostbarkeit des Menschen – und ist dabei nicht gefangengenommen vom Unerlösten und Verletzten, Dunklen und Leidvollen.

„Der Mensch als Ganzes gesehen, das heißt der vollendete Mensch, ist nicht nur Mittelglied zwischen Himmel und Erde, zwischen Natur und Geist, und bald dieses oder jenes, sondern die Vereinigung beider im erleuchteten Bewusstsein.“  (Karlfried Graf Dürckheim, Vom doppelten Ursprung des Menschen, Verlag Herder, Freiburg 1973, ab S. 62)

Dieses Ich kann seine geschichtliche Dimension des Seins wahrnehmen und sieht in allem Unvollkommenen das vollkommene Wirken der einen Liebe. Mündigkeit ist dann nicht die Sehnsucht nach der Erlösung von Angst, Traurigkeit oder Unsinn, sondern die Gabe, in diesem Ausdruck des Lebens, frei zu sein und gerade darin die Tiefe und Fülle des Lebens selbst zu entdecken.

„Mündig ist der Mensch in dem Maße, als er immer wieder den Mut hat, die Dunkelheiten des Lebens zu durchschreiten und im Zulassen und Ernstnehmen der verpflichtenden Stille, in der die Tiefe ihn ruft, bereit wird, die Wirklichkeit dieser Welt ohne schöne Schleier zu sehen und sie angstlos auf sich zukommen zu lassen, wie sie ist.“  (Ebd., S. 72)

Dieses Sein kann nur gelingen, wenn immer wieder eine Bereitschaft zu neuem Aufbruch da ist. „Siehe ich mache alles neu!“ (Offb. 21,5) Es entsteht dann eine kreative Offenheit dem nächsten Augenblick gegenüber und ein sich freiwillig darauf einlassen, dass sich alles wandelt und entwickelt. Es ist das alles zulassende große JA des Werdens in Zeit und Raum, das gegründet ist in einem Sein jenseits von Zeit und Raum. Meister Eckart sagt: „Gott wirkt und ich werde. Das Wirken und das Werden sind eins.“


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