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Joseph Beuys begegnet Maria auf dem Weg des Herzens
Betrachtung zu einer christologischen Verbindung der besonderen Art
© Stephan Hachtmann 2011

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„Denn dieser Sozialorganismus ist so sehr erkrankt, dass es allerhöchste Zeit wird, Radikalkuren an ihm vorzunehmen, sonst geht die Menschheit zugrunde“ (1 ) - Fussnoten siehe am Ende des Textes

„Aber lassen Sie uns nicht zu weit in die Zukunft vorgreifen. Ich würde immer empfehlen, nicht weiter als fünfhundert Jahre in die Zukunft zu sehen...“
(2)


   Worin kann eigentlich das Interesse bestehen, einen der bedeutendsten europäischen Künstler des 20. Jahrhunderts, Joseph Beuys mit der Tradition des christlichen Herzensgebet und der Gottesmutter Maria im gleichen Atemzug zu nennen und ihre Beziehung zueinander zu betrachten? Vielleicht sind es die wahrzunehmenden politischen und gesellschaftstransformierenden Kraftpotentiale dieser Dreierkonstellation, die in mir Resonanz erzeugen, mich ansprechen und die zu verwirklichen, sie auf die eine oder andere Weise gemeinschaftlich einfordern. Vielleicht ist es die bei ihnen vorzufindende radikale und alles Leben durchdringende Herzensdimension eines transreligiösen und interspirituellen Christusbildes und dessen notwendige Entdeckung in der eigenen Seinstiefe. Vielleicht ist es, wie im oben angeführten Zitat, das Gebot eines „erkrankten Sozialorganismus“, der es geradezu dringlich erscheinen lässt, dieser illusteren Gesellschaft einen Platz am gemeinsamen Tisch anzubieten. Vielleicht ist es auch nur eine faszinierende, unbestimmbar intuitive Nähe und eine nicht näher zu erklärende innere Übereinstimmung, die mich zu diesem Dreiergespann verlockt hat und mich darin bestärkt und ermutigt, diese Zusammenhänge aufzuzeigen oder es zu mindestens zu versuchen. Wie dem auch sei - die „Mysterien finden immer noch auf dem Hauptbahnhof statt.“ (3) ...

   Joseph Beuys ist dabei der Ausgangspunkt dieser Betrachtung. Seine von tiefer mystischer Erfahrung geprägte Welt- und Menschensicht hat ihn zu einem Christus- und Gottesbild geführt, das Leitbild für die Verwirklichung des zentralen Lebensmotives des Menschen sein kann. Er hat richtig erspürt, dass in jedem Menschen eine, wenn auch oftmals hintergründig wirkende spirituelle Sehnsucht nach dem Religiösen angelegt ist.

   Beuys hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dieses innewohnende Potential des Menschen zu aktivieren. Erst wenn diese Sehnsucht Gestalt annehmen kann, erwacht der Mensch zu wirklicher innerer und äußerer Liebe und Freiheit und kann mit seiner ganzen Tiefe und Fülle in Berührung kommen. In diesem „Prozess der Verinnerlichung“, den Beuys auch „Christuserlebnis“ nennt, „entdeckt der Mensch in der Ich-Erkenntnis die christliche Substanz und nimmt sie ganz real wahr ... Ohne den christlichen Stoff, das Element des Lebens, des Geistes, der Imagination, Inspiration, Intuition ist eine positive Bewusstseinsentwicklung nicht möglich.“ (4) Von Anbeginn bis in sein Spätwerk hinein erweisen sich, die dem Christentum zugrunde liegenden Ideen der Liebe und der Freiheit, als das Zentrum seiner weltanschaulichen Position und seines Hauptanliegens.

Wärme verbindet
   Wärme ist die Leben und jede Entwicklung ermöglichende Substanz und bietet einen ersten Zugang an. Wärme ist gestaltgebende Mitte allen Lebens und Bewegung erzeugende Kraft zur dynamischen Gestaltung verschiedener Prozesse. Wärme ist die existenzielle Grundbedingung für Wachstum und Leben in der Natur. Herzenswärme ist das Potential in jedem Menschen - gleichbedeutend mit der Joseph-Beuys-Webdatei-Abb-2Fähigkeit zur Entfaltung von Selbstliebe und Nächstenliebe. Wärme kann das versteinerte Herz erweichen und fürdas fleischerne Herz einen neuen Wohnort schaffen. Das Zitat aus dem Propheten Hesekiel möchte diese Spur unterstreichen. „Ich will euch ein anderes Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges Herz.“  (Hesekiel 36,26)

  
Joseph Beuys hat mit seinem Begriff von der „sozialen Wärmeplastik“ einen wichtigen Aspekt bei der Entfaltung dieser Prozesse beschrieben. Bei der „Sozialen Wärmeplastik“ geht es um weit mehr als nur Wärme und den begrenzten Begriff der Plastik und deren Gestaltung in einem sozialen Raum. Beuys meint eine universal gültige zwischenmenschliche Wärmeerzeug-ung, die ein Feld bereiten kann, in dem transformative Wandlung, spiritueller Sinn und ganzheitliche Heilung eine echte Chance hat, manifest zu werden. Dieses Wärmemerkmal ist die grundlegende Substanz, um die Christussubstanz im Menschen, welche letztendlich Liebe ist, zu verwirklichen.

    „... aber um dahin zu kommen, braucht es erst einmal wieder die allgemeine, offene lebendige, fließende Substanz, die am besten dadurch charakterisiert wird, .... dass sie Wärmecharakter hat, aber natürlich keine physikalische Wärme wie Ofenwärme, sondern soziale Wärme. Es ist wohl haargenau dasselbe, was die eigentliche Liebessubstanz ist. Sie hat sakramentalen Charakter. ... Es ist eine höhere Form von Wärme, es ist eine evolutionäre Wärme, wie ich diese Wärme nenne. .... Die zwischenmenschliche Wärme muss da erzeugt werden. Das ist die Liebe. Das ist das, was in diesem geheimnisvollen Christusbegriff drinsteckt.“ (5)

   Diese Christusgeburt im Inneren verlangt nach Wärme. Wärme, die öffnet, nährt, beweglich hält und Wachstum ermöglicht. Wärme, die durch Widerstände hindurchführt und den Menschen „flüssig“ werden lässt in seinen Erstarrungen. Die Betrachtung des Wärmebegriffes von Beuys und seine Anwendung zur Bewusstseinstransformation berühren mich und ich sehe lebendige Verbindungen und aufzeigbare Parallelen zu meinem, in der christlichen Tradition verwurzelten Transformationsweg - dem Herzensgebet.

Das Herzensgebet
   Das Herzensgebet ist ein kontemplativer mantrischer Ganzwerdungsweg. In der christlichen Lebens-, Sprach- und Bilderwelt verortet, verlangt das Gebet des Herzens vom Menschen nichts mehr als seine ganze dienende Hinwendung zu Liebe, Wahrheit und Wahrnehmung seiner Teilhabe an der Einheit. Dabei wird ein einziges Wort oder ein kurzer Satz immerwährend im Bewusstseins-raum des Herzens gesprochen und  wiederholt. Das Bewusstsein vertieft sich mit diesem Mantra in die Krypta des Herzens und kann dort Reinigung, Klärung und Heilung erfahren. Es erhält zunehmend Einsicht in die Mysterien des Heiligen und öffnet einer umfassenden metanoia, im Sinne einer den ganzen Menschen verwandelnden Umkehr und Erneuerung die Tür. Der betende und meditierende Mensch kann dabei Erfahrungen sammeln, die über das Denken hinausweisen und ihm eine erfahrungsbezogene Gewissheit über den Charakter des Heiligen schenken. Das Herzensgebet als spiritueller Lebensgestaltungsweg ist dabei, um begrifflich in die Nähe von Beuys zu rücken, zugleich „Entwicklungsraum“, „Informationsstätte“ und „Lernschule“. Die Tradition des christlichen Herzensgebetes findet in den letzen Jahren immer mehr Zuspruch, sodass man von einer Renaissance dieses mystagogischen Weges sprechen kann. Gerade seine Einfachheit, Offenheit und Tiefe macht ihn für viele Menschen attraktiv. Dabei bleibt der Mensch in dieser Bewegung als werdeseiendes Geschöpf, ganz in der Welt anwesend und ganz im Gebet dem göttlichen Geheimnis hingegeben.

   Seit vielen Jahren praktiziere ich diesen „Weg des Herzens“ und fühle mich der spirituellen Weggemeinschaft Via Cordis verbunden.  Die Via Cordis ist eine spirituelle Weg- und Lerngemeinschaft um den spirituellen Lehrer Franz-Xaver Jans- Scheidegger, der in Flüeli/CH und in dem dort befindlichen Haus „St. Dorothea“ eine ökumenisch wirksame und über die Grenzen der Schweiz weit hinausreichende sehr fruchtbare spirituelle Arbeit mit dem Herzensgebet aufgebaut hat. Die dortige Spiritualität zeichnet sich durch ihre interspirituelle Offenheit und religiöse und psychologische Tiefe aus. Das auf dem Herzensweg treu und hingebungsvoll zu wiederholende Mantra - das ureigene persönliche Herzensgebet - ist (m)ein Weg der bewusstseinsverwandelnden Wärmeerzeugung. Ich nehme wahr und erlebe, wie dieser Ganzwerdungsprozess mich zunehmend in eine Tiefe und Einfachheit führt, die mich klärt, ordnet, herausfordert, mich an meine Grenzen bringt, diese durchbricht, neue Räume öffnet, bewährte Ordnungen durcheinander wirft, alte Gewohnheiten in Frage stellt, neue Perspektiven der Wahrnehmung aufzeigt, eine größere Verantwortung dem Leben gegenüber einfordert oder mich einfach ein wenig geduldiger und bescheidener werden lässt.

Eine Formel für die Produktivität des Verborgenen
   Für Beuys ist Christus eine apersonale und universelle, im ganzen Universum wirkende Kraft. In diesem Bereich ist das Göttliche nicht mehr nur außerhalb vom Menschen stehend als personaler Gott verortet, sondern es ist im Innersten eines jeden Wesens präsent und möchte dort Gestalt annehmen. Es bleibt Mysterium, das im Verborgenen und Inneren produktiv ist und das es zu enthüllen und sichtbar zu machen gilt. Aufgabe ist es, den Sinn des menschlichen Bestrebens darin zu sehen, „um durch die äußere Schicht des Sichtbaren zum Wesentlichen eines Wesen vorzudringen und für eben dessen Sichtbarmachung eine anschauliche Formel zu gewinnen.“ (6)  In allem Sichtbaren der Welt wirkt eine Kraft, die den Menschen auf seine unauflösbare Verbindung zum Ursprung des Göttlichen hinzuweisen vermag. Alle Hüllen und Oberflächenschichten durchschreitend, kann das menschliche Bewusstsein in sich einen Raum zugänglich machen, in dem sein wesentlichster Sinn aufleuchtet.

   Dieser Wesenskern kann mit den Begriffen Christusbewusstsein, Christus oder Christussubstanz benannt werden. Die Geburt, Erinnerung oder Entfaltung dieser Christuswirklichkeit realisiert sich als tiefster Sinn und kann essentiell und universal gültig zu einem christologischen Grundanliegen und Kernelement in einem Bewusstseinstransformationsprozess erklärt werden. Die dafür zu verwendende Formel, von der Beuys spricht, ist für mich das Herzensgebet. Dieser verdichtete Herzensklang kann in den beschriebenen Wesensgrund führen. In der geborgenen Stille des „Kämmerleins“ (der Herzensmitte) gebetet, erinnert dieser „Kammerton der Liebe“ die Einheitszugehörigkeit und lädt mit aller Liebesmacht zur Rückkehr in diese Ganzheit ein.

   Der Topos „Christus“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk von Joseph Beuys. Die Erschließung der Christussubstanz im Inneren eines jeden Menschen bestimmt sein hochkomplexes und immer wieder neu auszulotendes  Grundanliegen, das sich in einer zeitgemäßen Ausdrucksweise darstellt und dabei zugleich als Thema so alt ist, wie die Menschheit selbst.

Transformation des Bewusstseins - die Revolution beginnt innen
   Der heilige, unsichtbare und tief im Menschen innewohnende Sinn eines Lebens kann für Menschen sichtbar werden, die sich selbst immer bewusster werdend, auf einem spirituellen Weg befinden. Weit über die Möglichkeiten des Vergänglichen hinausweisend, ist es die ermutigende Ahnung einer heilsamen Tiefe, die in Raum und Zeit und im Alltag erfahren werden kann. Diese Dimension im Innersten der ganzen Schöpfung, eines jedes Menschen und einer jeden Kultur gewahr zu werden, bleibt vorrangigste und immer notwendiger erscheinende Aufgabe einer Zeitepoche, die sich momentan an einem entscheidenden Übergang zu befinden scheint. Beuys hat die Notwendigkeit dieser bewusstseinsverwandelnden Arbeit lebenslang und mit aller ihm zu Verfügung stehenden Schaffenskraft und Kreativität bezeugt und das universelle und gesellschaftsformende (r)evolutionäre Merkmal dieser Arbeit im Innersten des Menschen hervorgehoben.

   „... wenn nicht die Revolution zuerst im Menschen geschieht, scheitert jede äußere Revolution. Der Mensch muss den Innenraum erobern.“ (7) Erst dieses geduldige und hingebungsvolle innere Tun kann in die verantwortliche Freiheit und Wahrnehmung eines Gestaltungsraumes führen, in dem das sakramentale Ganze sichtbar wird und das nachhaltig Verantwortung für ein Außen im Alltag zu übernehmen fähig wird. Der amerikanische Theologe Matthew Fox sprach von der Notwendigkeit der „Resakralisierung von Zeit und Raum“ und Novalis davon, dass „alles Sichtbare, ein in den Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares ist.“  Doch wie gestaltet sich dieses Tun und wie drückt es sich aus?

   Kontemplation wäre dann die christliche Umschreibung dieses verwandelnden Prozesses, der Menschen zu ihrer wahren Größe und Würde, Einzigartigkeit und Kostbarkeit, Schöpferkraft und Liebe führen möchte. Con templum bedeutet übersetzt, in einem Raum mit dem Heiligen anwesend und präsent sein. Doch wie kann dieser Raum entstehen? Durch Glauben? Durch Kräfte von Außen? Durch einen moralisch motivierten Appell? Durch ein vorrangig diakonisch/sozialökologisches Handeln? Bei Joseph Beuys ist es die dem Ganzen dienende Erinnerung an die schöpferischen und freiheitlichen Potentiale, die in jedem Menschen innewohnen und entwickelt werden können. Und im Herzensgebet versenkt sich der Betende mit seinem Bewusstsein in der Höhle des Herzens, und spricht dort mit hingebungsvoll, treu und einfach die Wiederholung des Gottesnamens, der in die Wahrnehmung und Geburt des Neuen führen kann und das Bewusstsein von Grund auf erheben, verwandeln und heilen möchte. „Wer des HERRN Namen anruft, wird errettet werden.“  (8)

   Bedeutsam in diesem Prozess scheint es zu sein, dass der Mensch heutzutage aktiv in dieses Geschehen mit hineingerufen ist. Viel aktiver als es jemals möglich und nötig war. Mit allen Konsequenzen und in aller schöpferischen Freiheit. Der westliche Mensch ist, am immer chaotischer sich offenbarenden Ende der Postmoderne, in eine Gestaltungsfreiheit und Fähigkeit zu Individualität hineingestellt, die ihm zugleich als Segen und Katastrophe erscheinen mag und an der er scheitern oder und an der er über sich hinaus wachsen kann. Die Übung des Herzensgebetes bietet heutzutage eine kraftvolle Möglichkeit, sich aufzuraffen und Verantwortung zu übernehmen.

   Beuys fordert in einem Gespräch mit Friedhelm Mennekes (9) sehr deutlich diese Verantwortung und individuelle Teilnahme am inneren Erwachen ein, wenn er sagt:
   „Denn diesmal geht es nicht mehr so, dass ein Gott dem Menschen hilft, wie das durch dieses Mysterium von Golgatha war, sondern diesmal muss die Auferstehung durch den Menschen selbst vollzogen werden. ... Also von diesem Standpunkt aus ist es ja wieder ganz interessant, sich den Spruch ‚Gott ist tot’ vorzuhalten. Er ist tot insofern, als er nie mehr von selbst kommt und den Menschen da irgendwie unter die Arme greift. Das tut er nicht. Sondern das ist ja längst im Menschen drin. Der Mensch muss sich gewissermaßen mit seinem Gott aufraffen. Er muss gewisse Bewegungen vollziehen, gewisse Anstrengungen machen, um sich in Kontakt zu bringen mit sich selbst. ... Sehr schwer fällt es dem Menschen, aus eigener Kraft diese Selbstbestimmung auch wirklich zur Anwendung zu bringen. Es fällt ihm ungeheuer schwer. Er möchte viel lieber noch einmal etwas geschenkt bekommen. Er kriegt aber nichts mehr. Er kriegt nichts, gar nichts, von keinem Gott von keinem Christus. Dennoch bietet sich diese Kraft an und will mit Gewalt hinein. Aber unter der Voraussetzung, dass der Mensch sich selbst aufrafft.“ (10)

   Die freie Entfaltung des Bewusstseins ist dabei die universelle Vision, die Beuys selber aus seinem hochentwickelten Bewusstsein heraus formuliert hat und zu der er sich mit ganzer Hingabe in seiner Kunst, in seinem politischen Engagement, mit seinen Provokationen, seiner Dialogfreude und seinem intuitiven Ausdruck bekennt. Von dieser Vision ausgehend, lassen sich sehr einfach und folgerichtig Verbindungen und Kreise zu Maria, der Gebärerin des neuen Menschen und zum Herzensgebet ziehen.

Der „erwärmte“ und lebendige CHRISTUS in Maria
   Welche Rolle spielt Maria in diesem Christussubstanz erschaffenden Prozess? Welche heilvolle Allianz kann Maria mit Joseph B. eingehen? Wodurch kann die marianische Trägerin des Heiligen, dem „Joseph der Jetztzeit“ dienlich sein? Jesus Christus wurde in Maria Mensch und wurde durch sie geboren. In ihrem Innersten ist das göttliche Kind herangewachsen. In ihrem Leib hat der „Wunderrat“, der „Heiland der Welt“ und „Friedefürst“ Wärme, Geborgenheit, Nahrung und Wachstumsbedingungen vorgefunden, die seine Manifestation in Zeit und Raum ermöglicht haben. Maria ist in diesem geschichtlichen und zugleich sich ewig neu vollziehenden mystischen Inkarnationsgeschehen die jungfräuliche Gebärerin der allumfassenden Liebe. Sie ist das heilige Weibliche und die reine Trägerin des Wortes, das Fleisch wurde. (11)  Sie ist die Erstgebärerin des universalen Christus und die kosmische Königin der Liebe.

   Die Ikone Maria ist das Urbild der Schönheit und verwirklicht dieses Bild mit ihrer ganzen Empfängnis- und Hingabefähigkeit. In der orthodoxen Tradition ist sie die Lehrmeisterin des Herzensgebetes und der heiligste Raum, in dem sich die Vergöttlichung des Menschen - die theosis vollziehen kann. Mit ihrer weiblichen Kraft ist sie zugleich jungfräulich und der fürsorglich/mütterliche „Umraum“ des Heiligen. Sie ist der wärmende unJoseph-Beuys-Webdatei-Abb-5d nährende Wachstumsgrund für die Geburt des neuen Seins, das in jedem Menschen Gestalt annehmen möchte. Mit ihrer Fähigkeit zu dienender Hingabe, kann sie sich dem Göttlichen ganz anvertrauen, in der Gewissheit, dass in ihrem reinen und empfangsbereiten „Innenraum“, der Heiland der Welt geboren wird. So kann sie aus der  Tiefe ihres Herzens antworten: „Mir geschehe, wie du verheißen.“ (12)

   In dieser Perspektive können wir selbst marianisch sein und werden - Gebärende der Liebe. Ihre Größe steht für das Potential zur Transformation des Bewusstseins im Herzen des individuellen Menschen und für die irdische Vision einer kollektiven Wandlung der ganzen Menschheit. Ihre weiblichen Qualitäten befähigen zu nachhaltiger Bewahrung, zu wärmender Geborgenheit, zu kreativer Intuition und hingebungsvollen und dienenden Liebe. In ihr können sich verlorenengegangene und wieder zurückzugewinnende Kräfte einer Welt spiegeln, die noch in weiten Teilen vom patriarchal dominierenden Machtstreben regiert wird und am Rande einer Katastrophe stehend, zu verblühen scheint.

   Ich glaube, dass bei der notwendigen inneren Transformation des Menschen und der ihn umgebenden Kultur, den weiblichen Qualitäten, eine neue und herausragende Stellung eingeräumt werden muss. Im Schaffen von Joseph Beuys findet die Dimension des Weiblichen über viele Jahrzehnte in verschiedenen Installationen, Zeichnungen und Werken ihren Platz und steht im unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Vision von der Verwirklichung eines transformierten Bewusstseins durch Liebe und zur Liebe hin. Verwendung findet in seinem Werk vorrangig das Bild der Jungfrau. In zahlreichen Äußerungen betont er die Bedeutung der weiblichen Kräfte zur Gestaltung eines neuen Menschenbildes und einer neuen Gesellschaftsordnung. Mit seinem Anliegen in der Welt durch Wärme, Liebesfähigkeit und Liebe zu erzeugen, stellt er seine Werke in eine ganzheitliche feminine Atmosphäre des Nährenden, Positiven und Gewaltfreien, dessen Verkörperung Maria ist.

Die Geburt und Kristallisation dieser Liebe geschieht für Beuys in einem erwärmten, organischen, beweglichen und lebendigen Raum, der Männliches und Weibliches, Ratio und Intuition, Kälte und Wärme, Westliches und Östliches, Kristallines und Amorphes, Materie und Geist in einer ausgewogene Position der Mitte vereinigt. (13) Dabei ist er fasziniert und angesprochen von dem Kreuz des Christentums, das ihm zentrales Symbol für Tod, Leiden und Auferstehung ist und von dem er als ein organisches Gebilde spricht, das in seiner dynamischen Präsenz die Grundlagen des Christentums: Liebe, Herz und Selbstaufgabe mit einbezieht. (14) Beuys ist ein Vordenker und ein Vorreiter einer anstehenden Herzenskultur, deren Vorraussetzung eine tiefgreifende Herzensbildung ist. In gewisser Weise verkörpert er mit seinem Anliegen die Avantgarde eines neuen integralen Bewusstseins und war seiner Zeit weit voraus. (15)

Jeder Mensch ist ein CHRISTUS
„Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Mit seinem vielleicht berühmtesten Zitat hat Beuys viele Menschen verlockt, beglückt und provoziert. Jeder Mensch, gleich welcher Klasse, Rasse oder sonst welcher Prägung und Gestalt ist auserwählt, als Geschöpf Schöpfer zu sein  und als Ebenbild dieses Schöpfers zu Werden und zu Sein. Ebenso frei. Ebenso kreativ. Ebenso einzigartig. Ebenso kostbar. Ebenso allumfassend und unergründlich. Er sprach davon, dass es nicht darum geht, ein Christ zu sein, sondern Christus zu werden. Damit findet sich  menschliches Sein in die Verheißung gestellt, die zugleich Verantwortung ist und jeder Mensch ist heutzutage aufgerufen, der Realisierung dieser großartigen Verheißung zu entsprechen. Und so würde ich heute die Ausführungen von Beuys weiterführen: „Jeder Mensch ist ein Christus.“

  
Der ganze Mensch mit allen seinen Fähigkeiten und Potentialen ist dazu angehalten und befähigt, sein innerstes Wesen sichtbar zu machen und aufzurichten. Karlfried Graf Dürckheim sprach beim Wesen von der „Weise, in der das Überweltliche in uns anwesend ist und in uns und durch uns sichtbar werden möchte.“ Die Erinnerung des Wesens ist die universale Christusnatur des Menschen und seine ureigentlichste und wesentlichste Bestimmung, die sich in seiner religiösen Sinnsuche ausdrückt und die er als tiefste Sehnsucht in sich verspürt. Die den Menschen bewegenden und transformierenden Kräfte sind im Wesentlichen kreativer, schöpferischer und intuitiver Natur.

   Das folgende Beuyszitat spricht in aller Klarheit für sich: „Die Christuskraft, das Evolutionsprinzip kann nun aus dem Menschen hervorbrechen, denn die alte Evolution ist bis heute abgeschlossen. Das ist der Grund der Krise. Alles, was an Neuem sich auf der Erde vollzieht, muss sich durch den Menschen vollziehen. (16) ... Das einzige, was sich lohnt aufzurichten, ist die menschliche Seele. Ich meine jetzt ‚Seele’ im umfassenden Sinn. Ich meine nicht nur das gefühlsmäßige, sondern auch die Erkenntniskräfte, die Fähigkeit des Denkens, der Intuition, der Inspiration, das Ichbewusstsein, die Willenskraft. Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Dann ist alles andere sowieso gerettet.“ (179

Vereinigung mit CHRISTUS
   In der heutigen Entfaltung der Tradition des Herzensgebetes finden sich einige Anhaltspunkte, die eine Weiterentwicklung und eine zeitgemäße Sprache und Methodik notwendig erscheinen lassen. Beuys kann hierbei mit seinem Transformationsentwurf wichtige Hilfe und visionärer Ratgeber sein. Zentrale Verheißung auf dem Weg des Herzens ist die Evolution des Bewusstseins und die Ganzwerdung. Die Vereinigung des Unerlösten mit dem Heilen Land geschieht in der Wahrnehmung der Gegenwart Gottes, die sich als Bewusstsein des Christus in uns offenbart. Doch wo ist dieser Christus in der Welt noch anwesend und sichtbar? Joseph Beuys: „Wo ist er jetzt? Wer mit dem inneren Auge zu sehen sucht, der sieht, dass er längst wieder da ist. Nicht mehr in einer physischen Form, aber in der bewegten Form einer für das äußere Auge unsichtbaren Substanz. Das heißt, er durchweht jeden einzelnen Raum und jedes einzelne ZeJoseph-Beuys-Webdatei-Abb-3itelement substantiell. Also ist er ganz nahe da. Und die Schwelle zum Einbruch in die Menschheit ist so gewaltig wie nie in der Geschichte. Nur es fehlt  noch die offene Zuwendung, das zu erleben und sich dann als Mensch von Grund auf zu ändern.“ (18)

   Diese Worte von Beuys sind Worte eines tief Wissenden - eines Heiligen der Neuzeit, der die Besonderheit dieser Weltsekunde intuitiv erahnte und sie in seiner ihm möglichen Weise und allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ausgedrückt hat. Er verfolgte die Bekanntgabe seiner Einsichten mit größter Hingabe bis zu seinem Tod, damit sein wichtigstes Anliegen sichtbar werden konnte. Seine Fähigkeit Reibung, Bewegung und Wärme zu erzeugen, hat viele Menschen heraus-gefordert und nachhaltig tief berührt. Beuys hatte dabei die besondere Gabe, Menschen in der Tiefe zu berühren. „Viele, die einmal kommen, kommen wieder. Sie fühlen sich von Beuys angesproch-en in ihrer natürlichen Sehnsucht, sich weiter zu entwickeln. Einige fühlen sich ganz einfach zu sich selbst ermutigt: ein erster Anstoß zu einer freien Persönlichkeit.“ (19)

   In der mantrischen Tradition des Herzensgebetes ruft der betende Mensch „ohne Unterlass“ (20) und mit aller ihm möglichen Hingabe den Gottesnamen in seinem Herzen an und erzeugt ebenso diese Bewegung, Reibung und Wärme. Das ist der ganze Dienst und die ganze Anstrengung, die von ihm gefordert wird, um eins mit dem universalen mystischen Christus zu werden - um zu Christus zu werden. Die „offene Zuwendung“ zu diesem einfachen Tun kann einen inneren Reinigungs- und Klärungsprozess des Bewusstseins in Gang setzen, der verwandelnd und heilend das große Mysterium des Lebens einsichtig werden lässt.

   Wenn Beuys mit seiner berühmten Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“ vom universal gültigen „Menschenkünstlertum“ spricht, meint er das schöpferische, das erschaffende und mitgestaltende Potential, das in aller Freiheit und mit aller Verantwortung im eigenen Herzen, im Herzen eines jeden  Menschen und im Herzen des Universums die Gegenwart der Liebe erspürt, erkennt und mitteilen möchte. In diesem transformativen Vereinigungsprozess werden wir in die schöpferische Freiheit, Verantwortung und Fähigkeit hineingenommen, damit das Göttliche in uns erinnert, freigelegt und wahrgenommen werden kann.

   Das menschliche Herz vereinigt sich mit dem göttlichen Herz. Diese erweiterte Herzensvereinigung ist das ewig gegenwärtige Werdesein, das Werden zu dem, das wir schon längst sind, so wie es der Wüstenheilige Gregor vom Sinai vor vielen Jahrhunderten gesagt hat: „Werde was du schon bist. Suche ihn, der bereits dein ist. Höre auf ihn, der nimmer aufhört, zu dir zu sprechen. Gehöre ihm, der dich bereits sein eigen nennt.“ Joseph Beuys bleibt wegweisender Protagonist eines neuen Bewusstseins und berührt mich mit seiner Menschlichkeit und spirituellen Tiefe.

   „Man muss den Menschen schmackhaft machen, dass es interessant ist, sich völlig preiszugeben mit allen Fehlern, die man hat. Ich will nur die Menschen anregen, nicht zu warten auf einen idealen Bewusstseinszustand. Sie müssen mit den jetzigem Mitteln begonnen - mit ihren Fehlern beginnen.“ (21)


Zu den Abbildungen:
Abb. 1: Stephan Hachtmann, „Im Herzen Beuys und Maria“, Collage in Illustrator unter Verwendung eines Fotos aus: „Je länger aber das Ereignis sich entfernt“, Rhea Thönges-Stringaris, Juli 2011, FIU Verlag Wangen/Allgäu 2002, S. 8 und der Ikone „Gottesmutter des Zeichens“, russisch um 1700
Abb. 2: Joseph Beuys, Ohne Titel (Der Erfinder der Dampfmaschine) 1971, fotografiert von Amelio, Lucio in: Horst, Hans Markus, „Kreuz und Christus. Die religiöse Botschaft im Werk von Joseph Beuys“, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1998, Abb. 46
Abb. 3: Joseph Beuys, Bleistiftzeichnung aus dem Kunstband „Beuys - Bleistiftzeichnungen aus den Jahren 1946-1964“, Verlag Propyläen, Frankfurt 1973
Abb. 4: Stephan Hachtmann „Der Goldhase ist dem Christus-Schmetterling die marianische Substanz zur Vereinigung der Herzen“ Bleistiftzeichnung, Mai 2011


Textnachweis
1 Harlan, Volker, Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Beuys, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1986, S. 28
2 Harlan, Volker, Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Beuys, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1986, S. 85 berühmt gewordenes Zitat von Joseph Beuys
3 Horst, Hans Markus, Kreuz und Christus. Die religiöse Botschaft im Werk von Joseph Beuys, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1998, S.251 - vgl. dazu Mennekes, Friedhelm, Beuys zu Christus. Eine Position im Gespräch, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1994, S. 22
4 Harlan, Rappmann, Schata, Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys, Achberger Verlag, Achberg 1976, S. 20 f
5 Van der Grinten, Franz Josef/Mennekes Friedhelm, Christusbild-Menschenbild. Auseinandersetzung mit einem Thema der Gegenwartskunst, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1984, S. 124
6 Harlan, Rappmann, Schata, Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys, Achberger Verlag, Achberg 1976, S. 102
8 Joel 3,5
9 Dieses Gespräch fand am 30. März 1984 zwischen Joseph Beuys und dem Jesuitenpater  Friedhelm Mennekes statt und stand im Zusammenhang mit einer Ausstellungsreihe zum Thema „Menschenbild-Christusbild“. Die später mit großer Resonanz veröffentlichten Dialoge behandeln zentral das Thema Christus. Die getroffenen Aussagen können als wegweisend zum christologischen Verständnis des Gesamtwerkes von J. Beuys gelten und behandeln primär Fragen zu Religion, Christentum, Kunst und Kirche
10 Mennekes, Friedhelm, Beuys zu Christus. Eine Position im Gespräch, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1994, S. 28 ff
11 vgl. Johannesprolog, Johannes 1, 1-18
12 Lukas 1,38
13 vgl. hierzu Horst, Hans Markus, Kreuz und Christus. Die religiöse Botschaft im Werk von Joseph Beuys, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1998, S.261
14 www.beuystv.de,  „Make the secrets productive”, bei 7:20 min
15 Die hierzu nötigen Ausführungen zu dem Erscheinen eines integralen Bewusstseins, würden den vorgegebenen Rahmen weit überschreiten. Den interessierten Leser seien zur Vertiefung besonders die Werke von Jean Gebser (Ursprung und Gegenwart) und Ken Wilber (Eros, Kosmos, Logos) zu empfehlen.
16 Harlan, Volker, Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Beuys, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1986, S. 109
17 Mennekes, Friedhelm, Beuys zu Christus. Eine Position im Gespräch, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1994, S. 48
18 Van der Grinten, Franz Josef/Mennekes Friedhelm, Christusbild-Menschenbild. Auseinandersetzung mit einem Thema der Gegenwartskunst, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1984, S. 115
19 Joseph Beuys, Jeder Mensch ein Künstler, Gespräche auf der documenta 5 1972, aufgezeichnet von Clara Bodemann-Ritter, Ullstein Verlag Frankfurt 1975, S. 5
20 1. Thessalonicher 5,16
21 Joseph Beuys, Jeder Mensch ein Künstler, Gespräche auf der documenta 5 1972, aufgezeichnet von Clara Bodemann-Ritter, Ullstein Verlag Frankfurt 1975, S. 5

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